Das deutsche Rom

Unser altes München war stolz darauf, “das deutsche Rom” genannt zu werden. Immerhin zählte es im Jahre 1782 bei einer Bevölkerungszahl von 37 840 Einwohnern nicht weniger als einhundertundzwölf Gottes- und andere geistliche Häuser. In der Stadt befanden sich fünfhundertvierundfünfzig Priester. Eine Zahl, von der man heute nur mehr träumen kann.

München war bis Anfang des 19. Jahrhunderts eine streng katholische Stadt und dementsprechend gestaltete sich nach dieser Richtung hin auch das öffentliche Leben. Obenan standen die zahlreichen kirchlichen Feste, an denen sich die Bevölkerung massenhaft beteiligte. Den ersten Platz darunter nahm die Fronleichnamsprozession ein, insbesondere seit die Jesuiten in München eine Niederlassung besaßen und sich der weitgehenden Gunst des Hofes erfreuen durften. Sie waren es, die der abwechselnd von der Frauenkirche und St. Peter ausgehenden Prozession einen stark theatralischen Charakter gaben. Außer einer Schar weißgekleideter und mit goldenen Flügeln ausgestatteter Engel sah man im Zug auch den leibhaftigen “Sparifankerl” mit Hörner, Schwanz und Klauen, der durch allerlei Unfug die Andächtigen im Gebet zu stören versuchte, dafür aber auf dem Marienplatz von den Engeln angegriffen wurde und schließlich durch den alten Rathausbogen ins Tal hinabflüchten musste.

Der Zug nahm seinen Weg über den Marienplatz, damals noch Schrannenplatz genannt, durch die Diener- und Residenzstraße, hinab zum nahegelegenen Schwabinger Tor. Während nun der Klerus mit dem Allerheiligsten in Begleitung des Hofes und der Beamten sich beim Stadttor hinausbegab, um zwischen der inneren und äußeren Stadtmauer, dem sogenannten Zwinger, die ganze Stadt zu umschreiten, und schließlich bei demselben Tor wieder in die Stadt zurück zukehren, warteten die Zünfte mit ihren Standarten am Tore und in der Schwabingergasse auf die Rückkehr, nicht ohne hie und da einen Abstecher nach einem benachbarten Wirtshaus zu machen. In voller Gemütsruhe lehnten sie dabei Standarten, Fahnen und Kerzenständer an das nächstbeste Haus.

Für die Gestaltung der großen Fronleichnamsprozession wurden allerhand Mühe und Sorgfalt aufgewendet. Aus dem Jahre 1580 stammt eine Vorschrift, die besagte, dass der an der Prozession teilnehmende Gott Vater von großer Körperlänge und wohlgebaut sein müsse. Er sollte nicht häufig umblicken, weder grantig noch lächerlich wirken und sittsam aussehen. Schon Tage vorher wurde nach einer Person Ausschau gehalten, die Jesus Christus am besten verkörpern konnte. Gehörige Manneslänge, nicht zu dick, von guter gesunder Farbe, wohlgebildetes längliches Angesicht, ohne unförmliche Nase, keine Zahnlücken, kurzer kastanienbrauner oder doch etwas lichter Bart mit zwei Spitzen, sittsam und gottesfürchtig, waren die wesentlichen Anforderungen an Gotte Sohn. Die Zahl der im Zuge erscheinenden Marien betrug nicht weniger als sechzehn. Die schönste kam zuletzt, fuhr auf dem Gewölk und setzte den Fuß auf einen “Mondschein”. Für den heiligen Georg nahm man den schönsten und stärksten Mann der ganzen Stadt. Er hatte den Lindwurm von dem die hl. Margaretha bedroht wurde, “stark und richtig” zu durchbohren, dass das “dunkle Blut” der darin verborgenen riesigen Blutwurst das in der Nähe befindliche Volk unter allgemeinem Gelächter von oben bis unten anspritzte.

Andererseits mussten die Hohenpriester Melchisedech, Aaron, Kaiphas usw. teils lange, dicke, graue Bärte, teils kurze Knebelbärtchen tragen und konnten ruhig behäbig sein. Der Teufel spie Feuer und erhielt dafür einen halben Gulden. Und neben Adam und Eva, scheinbar nackt, fehlten auch die Götter de Olymps nicht. Die Kosten aber bestritt, wie aus einer vorhandenen Rechnung noch ersichtlich ist, der Hof. Sie beliefen sich im Jahre 1582 auf 797 Gulden, und im Jahre 1586 gar auf 1297 Gulden, wobei dem “Hansen Schönswetter” dem langen Mann von Tittenausen, dafür, dass er “im Antlaß” den Goliath gemacht hat, fünf Gulden verabreicht wurden.

Hans Lehrer