“Das Leben ist ein Uhrwerk”

Die Uhr ist mehr als nur ein normaler Zeitmesser. Sie symbolisiert des Menschen Leben, welches verrinnt, wie der ungehemmt rinnende Sand in der Sanduhr, mit der seit dem Mittelalter der Tod ausgerüstet erscheint. Auch bei der Wanduhr, die durch Gewichte betrieben wird, findet das Bild vom “Ablaufen” noch Verwendung. Das Ticken der Wand- oder Taschenuhren aber ist mit dem uhrwerksähnlichen Schlagen des Herzens vergleichbar. Das Leben des Menschen und das der Uhr läuft parallel.

Wen wundert es, wenn die Hausuhr in der Sterbestunde oder -sekunde stehen bleibt? So ranken sich um die Uhr gar manche Geheimnisse. In einigen Gegenden wird die Uhr angehalten, wenn ein Mensch im Sterben liegt, er könne sonst nicht sterben. Das Stillstehen einer Uhr kann aber auch als Vorzeichen in Betracht kommen, dass einem aus der Familie draußen etwas zugestoßen ist.

Uhren stellen einen Wertgegenstand dar; eine Wanduhr, Regulator und dergleichen galt in bürgerlichen Kreisen als beachtliches Hochzeitsgeschenk, und wenn er Glück hatte, erhielt der Firmling von seinem Paten eine “goldene” Taschen- oder Armbanduhr.

Bevor aber die ersten Räderuhren mit Schlagwerk vor 700 Jahren und die Taschenuhren vor 500 Jahren erfunden wurden und die Ausbreitung der Wand- und Hausuhren im 18. Jahrhundert vor sich ging, gab es andere Merkzeichen, an denen die Zeit und ihr Fortrücken bestimmt werden konnten. So ward der Anbruch des Morgens durch den Hahnenschrei bezeichnet. Feierabend war, wenn die Sonne unterging. Ob der deutsche Bauer die Methode der Schattenmessung kannte, um nach ihr die Mittagsstunde zu bestimmen, weiß ich nicht. Für Priester und Ordensleute jedoch war das Festlegen der Stunden um ihrer geistlichen Pflichten willen eine viel stärkere Notwendigkeit als für den Bauern, und aus der Kirche, dem Kloster werden auch die ersten genauen Zeitmesser, Sonnen-, Wasser- und Sanduhren gekommen sein, die man aus der Antike übernahm. Die Menschen in den Dörfern und Städten wiederum verließen sich auf den Schlag der Turmuhr, durch den sich Teile unserer überempfindlichen Bevölkerung in ihrer Nachtruhe neuerdings gestört fühlen und deshalb in vielen Kirchen die Glocken in den letzten Jahren zwischen 22 Uhr und 7 Uhr zum Schweigen gebracht wurden.

Hans Lehrer