Der Volksempfänger

Volkswagen und Volksempfänger sind eine Erfindung des dritten Reiches. Während sich nur wenige Auserwählte zur damaligen Zeit einen Volkswagen leisten konnten, hielt der Volksempfänger rechtzeitig zu den Olympischen Spielen 1936 Einzug in fast jeden deutschen Haushalt. Dieses Rundfunkgerät, mit dem vor allem die Propaganda der braunen Machthaber verbreitet werden sollte, wurde für jeden erschwinglich gemacht. Seine Anschaffung war also nicht so sehr eine Frage des Geldbeutels als vielmehr der Aufgeschlossenheit gegenüber der neuzeitlichen Technik, von der die meisten jedoch gerne Gebrauch machten. Die Nazis verstanden es damals, durch sorgfältig ausgewählte Programme fast jeden Hörerwunsch zufrieden zu stellen. Konzert- und Theaterliebhaber, Sports- und Naturfreunde, Traditions- und Brauchtumsverfechter, sie alle waren vom “Reichssender” begeistert. Vor allem hatte die leichte Unterhaltung einen hohen Stellenwert mit dem Hintergedanken, beim gutgläubigen Volk keinen Argwohn aufkommen zu lassen und es geschickt bei der Stange zu halten. Als jedoch der Krieg begann und die Siege, begleitet von Marschmusik, bekannt gegeben wurden, benutzten auch die Alliierten bald das Radio, um den Deutschen reinen Wein über die fatale Kriegslage einzuschenken. “Deutsche, ihr befindet euch in einem rasenden Schnellzug, der sich dem Abgrund zubewegt”, war einer der aufrüttelnden Sätze des General Eisenhower, mit denen er sich an das Volk wandte. Wer jedoch diesen “Feindsender” hörte und verraten oder erwischt wurde, musste um sein Leben bangen. Als die schweren Angriffe auf unser Land begannen, ertönte aus dem Radio das Signal des Kuckucks, womit der Anflug feindlicher Kampfverbände angekündigt wurde, die es ratsam erscheinen ließen, den Luftschutzkeller aufzusuchen.

Als schon alles in Schutt und Asche lag, gab es den Volksempfänger immer noch. Den neuen Sender nannten die Amerikaner zunächst “Radio München”. Erst als 1953 das Programm des Bayerischen Rundfunks mit einem 2. Programm auf UKW erweitert wurde, trennten sich viele Hörer von ihrem Volksempfänger und seiner Mittelwelle.

Unser alter Volksempfänger, den ich hin und wieder zum Leben erwecke, hat in der Zwischenzeit einen Ehrenplatz bekommen. Dabei werden zahlreiche Erinnerungen an frühere Zeiten wieder wach, vor allem an meine Mutter, die den Radio aus Sparsamkeitsgründen während der Sommermonate abmeldete, weil sie wegen der vielen Gartenarbeit angeblich nicht dazu kam, ihn zu hören. Wurde jedoch von Tschaikowsky das “Capriccio Italien”, eines ihrer Lieblingstücke, gespielt, holte sie den Radio heimlich aus der Schachtel heraus und schaltete ihn ein, obwohl sie dabei das schlechte Gewissen plagte. Als fünfjähriger Lausbub, oder war ich damals gar erst vier, hob ich einmal den Radio vom Wandbrett herunter und wollte unbedingt den Deckel hinten aufmachen, um nach dem Sprecher zu schauen, der da drin sein musste. Gott sei Dank kam Frau Vogl, unsere Nachbarin, rechtzeitig hinzu.

Unvergessen sind die vielen Heimatsendungen in der Zeit nach dem Krieg mit den beliebten Volksschauspielern und -musikanten, von denen fast keiner mehr lebt. 1947 entstanden die "Brumlg’schichten", später das "Bairisch Herz" und die "Weißblaue Drehorgel". Am 15. Januar 1949 bekam der Bayerische Rundfunk ein neues Pausezeichen: “Solang der alte Pe ... “, ohne die Endsilbe “ter”, die erst am 28. Oktober 1951 nach dem Wiederaufbau des “Alten Peter” angefügt wurde. Wer heutzutage den Radio einschaltet, und nach einer bayerischen Sendung sucht, wird sich hart tun. Fast könnte man meinen, dass mit dem guten alten Volksempfänger auch das bayerische Unterhaltungsprogramm verschwunden ist.

Hans Lehrer