Die alte Schulbank

Von der ersten bis zur sechsten Klasse wetzten wir unsere Hosenböden an den alten Holzschulbänken ab, bevor wir in den letzten zwei Schuljahren zweckmäßigere Tische und Stühle bekamen, deren Gestelle aus Eisen waren. Manch kleiner ABC-Schütze tat sich noch etwas hart, über die Bank hinweg auf die Tafel zu schauen, deshalb saßen die Kinder mit kleinerer Statur meistens weiter vorn. Die erste Bank in der Mittelreihe war für die schlimmsten Störenfriede und Schwätzer reserviert, die der Lehrer somit besser im Auge behalten konnte. Kinder, die den anderen in der Größe schon etwas voraus waren, hockten ebenso weiter hinten, wie die Klassendümmsten, bei denen jede Mühe bisher vergeblich gewesen war und entweder sitzen blieben oder in die Hilfsschule abgeschoben wurden. Bei einer Klassenstärke von immerhin fünfzig Buben hatte der Lehrer keine Zeit, sich mit jedem einzelnen besonders eingehend zu befassen. Die letzte Bank in der Fensterreihe, die von allen gemieden wurde, war die “Eselsbank”. Hier saßen zwei Buben, die sich mit dem Lesen und Rechtschreiben schwer taten und von uns deshalb verspottet wurden. In der Lesestunde brachen wir jedes Mal in schallendes Gelächter aus, wenn einer von den beiden zum Lesen aufgerufen wurde und bei jedem Wort so komisch herumdruckste oder nicht einmal seinen Namen richtig schreiben konnte und anstatt Alois “Alios” schrieb.

Unter jedem Pult befand sich ein Fach, in dem wir nicht nur den großen Atlas, den Zeichenblock und die Turnsachen verstauten, die in den Schulranzen nicht mehr hineinpassten, sondern auch unsere “Schätze” versteckten, für die in den Hosentaschen kein Platz mehr war. Schaute der Lehrer gerade einmal nicht her, blätterten wir unter der Bank heimlich in einem Cowboyheftl oder bissen vom Pausebrot ab, wobei wir uns in den Mund schauen lassen mussten, wenn wir mit kauenden Backen erwischt wurden. Am wichtigsten aber war das Fach unter der Bank für unsere Spickzettel, diversen Hefte und Schulbücher, in die wir schnell einen Blick warfen, wenn wir in der Probe nicht mehr weiter wussten. Lohnte es sich nicht, beim Nachbarn hineinzuschauen, weil der Lehrer eine A und B Gruppe gebildet hatte, stupsten wir den Vordermann, der daraufhin sein Probenblatt so weit hochhielt, dass wir bequem den Rechenweg oder die Ergebnisse von hinten abschreiben konnten. Oder wir drehten uns ganz vorsichtig zum Hintermann um und versuchten, einen verstohlenen Blick auf seine Arbeit zu werfen. Das Geschriebene mit der Hand zu verdecken wäre unkameradschaftlich gewesen und hätte dem “Verräter” unweigerlich einen Bruch mit der Freundschaft eingebracht. Da wir noch mit dem Federhalter schrieben, tauchten wir unsere Federn, die wir des öfteren als Angriffswaffe benutzten und dem feindlich gesinnten Nachbarn in den Arm rammten, in die Tintengläser ein und bespritzten damit die Kleidung von unbeliebten Mitschülern - aus Versehen natürlich. In die Bänke ritzten wir unsere Initialen, Geheimzeichen oder Spezialwörter ein, versahen sie mit lustigen Zeichnungen oder kritzelten Jahreszahlen darauf, die wir uns für die Geschichtsprobe nicht so einfach merken konnten, die aber bestimmt drankamen. Einmal wäre meinem Banknachbarn in der 1. Klasse unsere Schulbank beinahe zum Verhängnis geworden, als ich ihn hinausschubste und er mit der Stirn gegen den Heizkörper flog, wo er sich eine blutige Schramme zuzog. Die ganze Klasse hatte sich damals gegen mich verschworen und wollte mich deshalb nach dem Unterricht verhauen. Ich entkam ihrer Rache, indem ich im Laufen der Schnellste war und sie mich nicht einholen konnten.

Lange Zeit stand eine dieser alten Schulbänke, die ich später für fünf Mark erwerben konnte, bei uns im Garten zwischen den Obstbäumen. Hin und wieder zwängte ich mich hinein und dachte zurück an meine Schulzeit - und an die Tatsache, dass ich trotz der vielen Tatzen und Strafaufgaben eigentlich gern in die Schule gegangen bin.

Hans Lehrer