Die Nacht ist keines Menschen Freund

Auch im heutigen Volksglauben betrachten viele noch den lichten Tag als Werk Gottes und die finstere Nacht als das des Teufels. Die farblose, finstere, mitunter empfindliche kalte Nacht erweckt im Menschen Unlustgefühle, Angst und Furcht. Man empfindet sie als etwas Böses, Feindliches. Andererseits erregen die mondhellen Nächte mit den geheimnisvollen Nebelgebilden, dem rätselhaften Mond und den Millionen glänzender Sterne die Phantasie der Menschen. Hinzu kommt die unheimliche Stille der Nacht, die nur selten unterbrochen ist von dem misstönenden Geschrei der Nachttiere, deren sonderbares Aussehen ebenso erschrecken wie ihre zuweilen glühenden Augen.

Früher , als die Beleuchtung im Haus noch spärlich war, bedeutete der Einbruch der Nacht völlige Arbeitsruhe. Dann konnte die Phantasie im stillen Nachsinnen oder in Gesprächen und Erzählungen von Märchen, Sagen und Schauergeschichten frei walten und in nächtlichen Träumen zu neuem Leben erwachen. Schlaf und Traum sind die wichtigsten Grundlagen für allen Aberglauben. Es gibt sogar Nachtkrankheiten wie die Nachtblindheit oder Mondsüchtigkeit und bei vielen Krankheiten erhöhen sich die Schmerzen in der Nacht. Auch die Gabe des Hellsehens steigert sich in der Dunkelheit der Nacht. Aus diesem Grunde bedürfen die Geister, wenn sie sichtbar werden sollen, gewöhnlich einer möglichst schwachen Beleuchtung. Ist auch das wirkliche Sehvermögen in der Nacht herabgesetzt, können akustische Eindrücke um so stärker werden. So ist der Hausgeist gewöhnlich überhaupt nicht sichtbar sondern verrät sich durch das Schmatzen, durch Klopfen, Rufen oder schlürfende Geräusche.

Die Nacht ist die Zeit der Geister, besonders die Stunde von 12 bis 1 Uhr. Vielfach betonen die Geister selbst ausdrücklich, dass diese Zeit ihnen gehört und dem Menschen nur der Tag zukommt. Besonders bemerkbar macht sich die Geisterwelt in bestimmten Nächten.

Die dunkle Nacht, in der scheinbar alles Leben erstirbt, musste auch zum Sinnbild des Todes werden. Zur Nachtzeit erscheint der Tod selbst in wechselnden Gestalten. Nachts kommen auch die Toten in die Häuser, besonders an gewissen heiligen Nächten, z.B. der Weihnachts- oder Neujahrsnacht. Gewöhnlich zeigen sie sich um Mitternacht. Am häufigsten gehen nachts die ruhelosen Toten um, die wegen irgendeines Frevels oder einer Untat für bestimmte Zeit oder gar für immer büßen müssen. Manche von ihnen sind arme Seelen, die auf Erlösung warten. Aber auch Gott, die Jungfrau Maria und die Heiligen zeigen sich mitunter nachts den Menschen im Traum oder auf eine besondere Weise.

“Die Nacht ist keines Menschen Freund.” Das merke ich, wenn ich spät abends als Bewohner einer Millionenstadt noch mit der U-Bahn heimfahren muss. Dann sind es keine Geister, vor denen ich mich fürchten muss, sondern brutale Randalierer und Räuber, die nicht davor zurückschrecken, Menschen anzugreifen, zu vergewaltigen, ja sie sogar zu töten.

Hans Lehrer