Der Dorfschullehrer

Fünf Generationen liegt es bereits zurück, dass mein Ur-ur-ur-Großvater Johann Jakob Bodmer gelebt hat. Er erblickte am 4. August 1767 in Ürikon in der Schweiz als Kind einfacher Leute, das Licht der Welt. Seinen Wunsch, Lehrer zu werden, konnte er 1792 verwirklichen. Als jedoch die Ideen der Französischen Revolution auch in der Schweiz Fuß fassten und mein Vorfahre im “Stäfner Handel” die “Freiheitsbriefe” verlas, wurde er durch Amtsverlust bestraft, weil er als Jugenderzieher nicht mehr tragbar war. Eine Buße von 500 Gulden traf den jungen Familienvater sicher hart genug. Nach vielen Widerwärtigkeiten in der Heimat zog es den Üriker Lehrer 1809 mit seiner Familie auf die Schwaige Oberndorf (heute Ortsteil von Feldkirchen), wo er eine Anstellung als Privatlehrer erhielt.

Bis er als Lehrer in dieser Gemeinde, in der das Schulwesen im argen lag, sein segensreiches Wirken beginnen konnte, verging noch einige Zeit. Erst musste er sich beim königlichen Oberschulkommissariat in München einer pädagogischen Prüfung unterziehen. Als er in der schriftlichen Prüfungsaufgabe gefragt wurde, "wie er es in seiner Schule angehe, um Ordnung, Stille und Aufmerksamkeit unter den Schülern zu erwecken", beantwortete er diese Frage folgendermaßen: "Der Schullehrer muss zuerst selbst Ordnung kennen; darnach muss er hauptsächlich den Schöpfer aller Dinge um ein sanftmütiges Herz bitten, um die Kinder nicht nur mit Bestrafung, sondern mit teilnehmender und schonender Vaterliebe zurechtzuweisen. Er muss ein unparteiisches Gemüt haben, welches eigentlich die Hauptsache eines Schullehrers ausmacht. Wenn dann der Lehrer Ordnung kennt, wenn er ein sanftmütiges Herz besitzt, wenn er mit teilnehmender, schonender aber auch ernsthafter Vaterliebe zurechtweist, wenn er unparteiisch gegen Reiche und Arme in seinem wichtigen Beruf handelt, oh, dann wird Gott seine Arbeit segnen, dass er unfehlbar folgsame und aufmerksame Schüler erwecken wird. - Auch ich wünschte, mich in diesem Zwecke zu vervollkommnen. München, den 10. April 1811 J. Bodmer."

Nachdem er auch eine Rechnungsaufgabe gelöst hatte, lautete das Urteil über diese beiden Prüfungen: “Hinlänglich befähigt”. Die Prüfung der Religionskenntnisse nahm Kreiskirchenrat Martini vor, der am 12. April 1811 das Zeugnis ausstellte: “Ich würde dem Schullehrer Jakob Bodmer die Qualifikationsnote g u t zuerkennen”.

Bald darauf erfolgte vom mächtigen Grafen Montgelas eine Verfügung über die "Anstellung des Schullehrers in Feldkirchen", wo 1811 eine evangelische Schule errichtet wurde. Am 18. Mai trat er als erster protestantischer Lehrer in Oberbayern den öffentlichen Schuldienst an. Jede Familie, auch in den umliegenden Gemeinden, musste sich verpflichten, jährlich zwei Gulden als Unterrichtsbeitrag zu bezahlen. Untergebracht war die Schule in einem alten, halb verfallenen Bauernhaus, mit morschen Fenstern und Türen, wackligen Öfen, brüchigen Wänden. Infolge eines kräftigen Loches im Dach des Schulhauses, musste man bei Regenwetter für die Nacht Schirme über den Betten anbringen, wollte man in der Bettlade nicht eine unfreiwillige Kahnpartie unternehmen. Der Schullehrer sollte als Besoldung vom königlichen Rentamt des Landgerichts München jährlich 56 Gulden erhalten, dazu weitere 44 Gulden von der Schulgemeinde, ferner 4 Klafter Holz und das Benutzungsrecht auf 15 Tagwerk Ackerland, sowie freie Wohnung -trotz dem - zum Leben zu wenig und zum Sterben zuviel. Die Wohnung war, wie wir bereits wissen, "windig", das Ackerland nicht sehr ertragreich, die Gemeinde nicht sehr zahlungswillig, ganz abgesehen von den Kämpfen, Zwistigkeiten, Demütigungen, äußerer Not und innerem Leid, die der Schullehrer durchzustehen hatte. Am 26. November 1822 wurde er aus diesem irdischen Jammertal durch den Tod abgerufen.

Die Lehrerswitwe erhielt aus dem allgemeinen Schulfond ein Reisegeld von 20 Gulden und wurde mit einem Teil ihrer Kinder, die noch nicht erwachsen waren, wieder in die Schweiz zurückgeschickt, um nicht der Gemeinde zur Last zu fallen. Man versagte ihr die Rechte einer bayerischen Familie. So streng waren damals die Gesetze im Königreich Bayern. Zwei seiner Söhne brachten es zu großem Ansehen. Johann Bodmer (26.09.1800 - 27.04.1856) mein Ururgroßvater, der sich durch den Kauf des Kellmairhofes das Recht der Ansässigmachung erworben hatte, machte Feldkirchen weit herum bekannt, indem er den Bauernhof der nach Amerika ausgewanderten Familie Klingler für 3 800 Gulden käuflich erwerben konnte und diesen kostenlos für die Errichtung eines Kinderrettungshauses zur Verfügung stellte, das noch heute seine Pforten offen hält.

Gottlieb Bodmer (25.02.1804 - 18.07.1837) wurde mit 16 Jahren Schüler an der Fachakademie in München im Fach Historienmalerei, erwarb sich den Ruf eines hervorragenden Lithographen und wirkte vor allem am Hofe König Ludwig I.

Nachdem auch er das Recht auf Ansässigmachung erhalten hatte, ließ er sich am Karlsplatz in München nieder. Er wurde nur 33 Jahre alt.

Sein Grab befindet sich auf dem alten Südlichen Friedhof in München.

Johann Lehrer