Erstkommunion

Erstkommunion Reformwille und Erneuerungsbedürfnis der katholischen Kirche haben vielerorts auch vor der ersten hl. Kommunion nicht ganz halt gemacht, jener Feier, die bei den Kindern von jeher zu den schönsten Erlebnissen in ihrer Kindheit, wenn nicht gar im ganzen Leben zählt. Ob das heute wohl auch noch so ist, wenn man bei Buben und Mädchen, denen inzwischen fast jeder Wunsch von den Augen abgelesen wird, am Tag der Erstkommunion auf Schlichtheit großen Wert legt und sie teilweise in einheitliche Kutten steckt, ihre Kerzen bewusst einfach lässt und die kirchliche Feier in kleinen Familiengruppen an sechs aufeinanderfolgenden Samstagen im kleinen Rahmen stattfindet, wie das in unserer Pfarrei schon seit längerem praktiziert wird?

Gerne denke ich an jenen Tag im Februar zurück, als mich Mutter in die Stadt mitnahm, um für meine Kommunion einzukaufen. Aus alter Gewohnheit notierte sie damals im Bayerischen Hauskalender: “Kommunionschuhe 23,50, Kerze 6,75, Handschuhe 2,80, lange schwarze Strümpfe 2,70, Unterhose und Leibchen 5,65, Gummi 0,35.” Machte alles zusammen 41,75 Mark; das war fast ein Wochenlohn, den Vater damals heimbrachte. Auch der Bleyle Anzug, leider nur mit kurzer Hose, den mein Bruder schon getragen hatte, musste für 3,80 Mark noch gereinigt werden. Das Gebetbuch um 4 Mark hatte ich vorher schon im Pfarrhof von dem Geld gekauft, das vom Neujahr wünschen stammte. Getrübt wurde meine Freude auf den Kommuniontag dadurch, dass Mutter ausgerechnet an diesem Tag im Krankenhaus liegen musste, wo sie am Kropf operiert worden war. Das Wetter an jenem lang ersehnten 25. Mai 1952 war eher trüb und regnerisch, hellte sich aber am Nachmittag auf. Wir waren über hundert Kinder. Die Buben im dunkelblauen Anzug, die Mädchen im weißen Kleid mit einem Kränzchen auf dem Kopf, so zogen wir feierlich mit den brennenden Kerzen in die aus Holz errichtete Notkirche, die dem St. Augustinus geweiht war, ein und bahnten uns den Weg durch die vielen Menschen, die dichtgedrängt in den Gängen standen und mit uns feiern wollten. Irgendwo in einer Ecke bemerkte ich zu meiner freudigen Überraschung auch Vater, der mich leise beim Namen rief. Mit ihm hatte ich nicht gerechnet; denn er war Protestant und besuchte sonst nie eine katholische Kirche. Besonders stolz war ich auf die ehrenvolle Aufgabe, zum Vorbeter bestimmt worden zu sein, und mit meiner kräftigen Bubenstimme hob ich an zu sprechen: "Im Namen des Vaters ... !" Insbrünstig sangen wir die Lieder vom Taufbund, der immer fest stehen soll, vom Bekenntnis zu Jesus, den wir lieben und für den wir sogar sterben wollten und von der Seelenspeise, die uns auf dieser Pilgerreise als Manna, Himmelsbrot dargereicht werden sollte, indem wir ehrfürchtig vor der Kommunionbank knieten und die Hostie mit nüchternem Magen, der allerdings schon leicht knurrte, empfingen. Für das leibliche Wohl hatte meine große Schwester, soweit ihre Kochkünste schon ausreichten, gesorgt. Zur Feier des Tages gab es eine Leberspatzlsuppe und als große Ausnahme zu Fleisch und Knödel eine Gärtnergurke aus dem Laden, die ich mir gewünscht hatte, obwohl sie bei unseren ärmlichen Verhältnissen um diese frühe Jahreszeit noch reiner Luxus war. Als ich am Nachmittag zur Mutter ins Krankenhaus radelte, hatte ich sogar die Kerze und das Gebetbuch dabei, um ihr eine besondere Freude zu machen. Mit einer feierlichen Maiandacht endete dieser schönste Tag, an den mich noch immer die goldverzierte Kommunionkerze, die ich seitdem in der Schublade des Wohnzimmerschrankes aufbewahre, erinnert. Meinen kleinen weißen Rosenkranz aus Perlmutt aber habe ich viele Jahre später Mutter um ihre toten Hände geschlungen und ihr ins Grab mitgegeben.

Hans Lehrer