Familiennamen

Jedes Kind, das auf die Welt kommt, erhält zwei Namen, einen Vornamen und einen Familiennamen. Bis weit in das Mittelalter hinein reichte der Rufname, der entweder aus dem germanischen Sprachgut entlehnt war oder aus dem christlichen Bereich stammte, völlig aus. Als sich das Leben jedoch nicht mehr im kleinen, überschaubaren Bereich vollzog, wurden Beinamen gebräuchlich, die noch keine Familiennamen waren, trotzdem aber schon Herkunft und Abstammung, Berufsstand und Verwandtschaft oder die Wohnstätte bezeichneten. Gleiche Berufe, körperliche Ähnlichkeit u.a. ließen diese Beinamen mit der Zeit erblich werden, so dass auch die Geschwister denselben Beinamen führten.

Feste Familiennamen sind in Deutschland erst seit dem 12. Jh. allmählich gebräuchlich und setzten sich bis ca. 1600 in den meisten deutschen Landen durch. Trotz des Aufkommens der Familiennamen redeten sich auch Personen, die sich nicht näher kannten, in der Regel noch lange mit dem Rufnamen an. Bis ins 15. und 16. Jh. hinein wurden in die Steuerlisten zuweilen nur die Vornamen eingetragen. Auch heute noch führen Fürsten, Könige und hohe kirchliche Würdenträger lediglich ihren Rufnamen (Papst Johannes Paul).

Während in den Städten die feste Führung von Familiennamen bald gebräuchlich wurde, bediente man sich zur Kennzeichnung der Familie auf dem Land, wo der bürokratische Einfluss weniger stark war, mit Haus- und Hofnamen, die über Generationen hinweg auch heute noch verwendet werden. Hatte doch der Haus- und Hofname fast dieselbe Bedeutung wie die amtlichen Familiennamen. So konnte es schon einmal vorkommen, dass bei einer Geburt oder Heirat der Hausname anstelle des Familiennamens in die Kirchenbücher eingetragen wurde. Wer auf einen Hof einheiratete oder ihn kaufte, übernahm meist auch den Namen des Hofes. Handwerker und Beamte wurden auf dem Land häufig nach ihrem Berufsnamen genannt, den dann auch die Kinder führten.

Durch die Binnenwanderung und dem damit verbunden Zug vom Land in die Stadt entstanden viele Familiennamen, die sich aus Personennamen, Herkunftsorten, Berufen oder sogenannten Übernamen gebildet hatten: Namen, in denen körperliche Erscheinung, Haar- und Barttracht, Kleidung, Wesensart und Lebensweise zum Ausdrck kamen. Am neuen Wohnort war das Heimatdorf des Zugezogenen oder sein Beruf oft bekannter als sein Name. Um jedoch einen Familiennamen deuten zu können, ist eine umfangreiche Ahnenforschung und das Erstellen eines weit zurückreichenden Stammbaumes nötig. Schwierig wird es dabei, wenn die heutige Schreibweise des Familiennamens hie und da auf Zufällen beruht. “Rechtschreibung” in unserem Sinne gab es noch nicht und mundartliche Einwirkungen führten zu weiteren Veränderungen. Darüber hinaus muss aber auch die Mehrdeutigkeit der Familiennamen in Betracht gezogen werden.

Anhand meines eigenen, etwas ungewöhnlichen Familiennamens möchte ich diese Tatsachen verdeutlichen. Während im Heimatbuch der württembergischen Gemeinde Flözlingen erwähnt wird, dass am Ende des Dreißigjährigen Krieges mein Vorfahre “Jakob Löhrer” (gest. 1670) im Jahr 1651 als “Gastgeber” (=Wirt) und Richter neben der Kirche wohnhaft war, taucht der Name “Lörer” bereits 1525 im Herdstättenregister des in der Nachbarschaft gelegenen Amtes Hornberg auf. Andererseits lässt sich im Altwürttembergischen weltlichen Lagerbuch der Kellerei Hornberg auch schon die heutige Schreibweise meines Familiennamens bis in das Jahr 1590 zurückverfolgen. Es wäre zu einfach, anzunehmen, meine Vorfahren müssten allesamt Lehrer gewesen sein, nur weil ich jetzt diesen Namen trage. Im deutschen Namenlexikon steht, dass der Name Löhrer von Löher abgeleitet wird, womit nichts anderes als der Beruf des Gerbers gemeint ist. Oder bezieht sich mein Familienname gar auf eine Gegend, wo meine Stammväter einst herkamen, vielleicht aus Lahr oder Lohr? Auf alle Fälle wünsche ich jedem viel Spaß bei der Erforschung seines Familiennamens - und vor allem Erfolg!

Hans Lehrer