Lustig is de Fasenacht!

Auch der Fasching ist nicht mehr das, was er früher einmal gewesen ist. Oder bin am Ende ich es gar selbst, der sich verändert hat? Als Kind sehnte ich den Faschingssonntag noch herbei, wo die Leute maskiert auf die Straße gingen. Heute scheint mir, dass viele das ganze Jahr über Maschkera gehen ohne sich dabei etwas zu denken und der Fasching seinen einmaligen Reiz dadurch verloren hat.

Gerne ließ ich mich von den Faschingsvorbereitungen meiner großen Schwester anstecken, die für den Hausball beim Obermaier am Faschings Samstag unbedingt ein Abendkleid anziehen wollte. Als gelernte Schneiderin bereitete ihr das Nähen keinerlei Problem. Sie fand ein hübsches Modell in einem Modejournal, das sie in zwei Nächten nachschneiderte. Wo aber sollte sie so kurz nach dem Krieg einen passenden Stoff auftreiben, der etwas hermachte? Mit einem himmelblauen Flanellstoff, aus dem sie schließlich das Abendkleid nähte, konnte sie den geldigen Truderinger Ökonomenstöchtern leider nicht das Wasser reichen, geschweige denn zur Ballkönigin erkoren zu werden, was eigentlich ihr heimlicher Wunsch gewesen war. Ein Jahr zuvor noch war sie als Hausierer gegangen, hatte sich Wimpern aus Papier auf die Augendeckel geklebt und sich einen abgetragenen Anzug des Onkels, der leicht nach Kuhstall roch, ausgeliehen. Richtig komisch sah sie darin aus, wenn auch die jungen Burschen zum großen Leidwesen meiner Schwester bei diesem Kostüm nicht so recht anbeißen wollten. Ein anderes Mal verkleidete sie sich als Schulmädl mit Sommersprossen im Gesicht, roten Zöpfen und fuhr zur Gaudi der Ballgäste mit dem Radlrutsch geradewegs in den Wirtshaussaal hinein ... und kam dann als "Schnapsleiche" am frühen Morgen wieder heraus. Mein Bruder hingegen ging als Oberammergauer Fremdenführer, wie ihn uns der unsterbliche Weiß Ferdl beschrieben hat und erschien auf dem Faschingsball der katholischen Jugend mit einem dichten Vollbart und der Schärpe mit dem Hinweis auf seine Sprachkenntnisse: "english spoken - on parle francais - si parla mussolini" und trank das Bier aus einem Nachthaferl, ohne sich davor zu grausen.

In einem Hausaufsatz, der ganz deutlich die Handschrift meiner Mutter trug, mussten wir in der 6. Klasse den "Fasching 1954" wie folgt beschreiben: "Der Fasching dauert heuer acht Wochen, von Heilig Dreikönig bis Aschermittwoch. Überall macht sich der Fasching bemerkbar. Die Zeitungen bringen große Inserate der Bälle. In den Auslagen der Kaufhäuser stellt man die heurigen Faschingsmodelle aus. Auch die Maskenverleiher machen viel Geschäft. In kleineren Geschäften kann man allerlei Faschingsartikel kaufen. An den Gasthäusern sind Voranzeigen für die Faschingsbälle angebracht. Die Säle sind mit Luftschlangen, Lampions, Girlanden und anderen Sachen prächtig verziert. Jung und alt stürzt sich freudig in das Vergnügen der närrischen Zeit. Wenn der Geldbeutel diese kostspielige Sache nicht ganz erlaubt, so trägt man lieber seine Habe ins Pfandhaus. Am Sonntag findet der große Faschingszug statt. Von nah und fern kommen Fremde um den Trubel mit zu erleben. Schöne Masken können sich am Mitgehen beteiligen. Vor dem Beginn des Zuges werden Faschingsprogramme, Luftschlangen und Konfetti verkauft. Die Leute können sich im voraus Sitzplätze kaufen, wenn sie das Geld haben. Am Faschingsdienstag haben die Marktfrauen ihre Gaudi. Sie tanzen auf dem Marktplatz. In den Wirtsstuben wird der Kehraus gefeiert. Hernach beginnt die ernste Fastenzeit." (Inhalt -2, Rechtschrift -3, Schrift 3 - 4)

Mein Kostümfundus war der Kleiderschrank im elterlichen Schlafzimmer oder die Truhe auf dem Speicher, wo die alten Kleider der Großeltern aus längst vergangenen Tagen, gut eingemottet, aufgehoben wurden. Großvaters schwarzer Zylinder, den er bei seiner Hochzeit aufgehabt hatte und für mich ein paar Nummern zu groß war, ließ aus mir dennoch einen Kaminkehrer werden, und der aus Stroh geflochtene, mit Edelweiß kunstvoll bestickte Trachtenhut meiner Tante, dessen Krempe an der Unterseite mit einem roten Stoff bespannt war, machte mich zu einer lustigen Tirolerin. Der Wickelschurz meiner Mutter aber und ihr schwarzes Kopftuch aus Wolle verwandelten mich in eine Hexe, die sogar einen argen Buckel mit sich herumschleppte. Nachdem ich mir noch das Gesicht mit Zichorie eingerieben hatte, sah ich der alten Stettnerin zum Verwechseln ähnlich.

Am "schmalzigen" Samstag holte Mutter den Schmalzhafen aus der Speisekammer und backte einen Haufen Schmalznudeln, aber nicht "weißbauchet" wie sonst, sondern Bauch und Buckel gut eingelegt in Schmalz und in ungerader Zahl rot herausgebraten. Im Lesebuch der 1. Klasse aber stand der Kinderreim:

Lustig is de Fasenacht
wenn mei Mutter Küachl bacht,
wenn sie aber keine bacht
pfeif ich auf die Fasenacht.

Das hatte schon seine Richtigkeit. Wenn nämlich die Bäuerin am "schmalzigen" Samstag keine Kücheln backte, wurde sie als Hexe verschrien und konnte das ganze Jahr nicht froh sei.

Hans Lehrer