Fleisch vom Schwein und Pferd

Manchmal können wir uns gar nicht so recht vorstellen, dass bei zwei Weltreligionen der Genuss des Schweinefleisches verboten ist, wo es doch so gut schmeckt und auch fast in jede Wurst hineingehört. Wir bedauern insgeheim die Andersgläubigen, weil wir denken, sie wissen ja gar nicht was gut ist; denn sonst würden sie nur schweren Herzens auf eine knusprige Schweinshaxe verzichten und auch ihre Lust auf ein paar saftige Weißwürste oder einen warmen Leberkäs nur schwer verdrängen können.

Mag sein! Ich aber denke mir, dass es ihnen vielleicht so ergeht, wie uns mit dem Pferdefleisch. Keinen Bissen brächte ich hinunter und habe auch noch nie eins gegessen, weil ich dabei einen Ekel verspüre. Was ist der Grund, dass weder ein Pferdebraten noch ein Fohlenschnitzel bei uns auf der Speisekarte zu finden sind?

Betrachten wir die Vergangenheit, so war der Verzehr dieses Fleisches bei den alten Germanen durchaus üblich. Man nahm dazu meist das Fleisch eines Opfertieres, um sich durch dessen Genuss die Kräfte der Gottheit, der das Opfer galt, anzueignen. Für die frühchristliche Kirche aber galt das Pferdefleisch als ein besonderes Zeichen des Verharrens im Heidentum. Den Neubekehrten war nichts anstößiger als die heidnische Sitte des Pferdefleischessens. Als Bonifatius bei Papst Gregor II. anfragte, ob der Genuss von Pferdefleisch den Christen zu gestatten sei, verbot es dieser. Wenn sie es dennoch taten, galten sie als Barbaren und Heiden. Die Kirche wollte unbedingt diesen Rest des heidnischen Opferkultes ausrotten. So geht dieses Verbot bis auf Karl den Großen zurück. Das Wort “Pferdefresser” wurde ein Schimpfwort der Christen für die heidnischen Volksgenossen, und den vermeintlichen Hexen wurde nachgesagt, dass sie Pferdefleisch essen und verehren.

Unter den Christen aber entwickelte sich ein Widerwille gegen das Pferdefleisch, obwohl es Leute gibt, die den Genuss bis auf den heutigen Tag nicht verschmähen. So befindet sich auf dem Viktualienmarkt in München einer der 70 Pferdemetzger in ganz Deutschland, der mit seinen Stammkunden recht zufrieden ist, und diese wiederum auf den fett- und cholesterinarmen, dafür aber eiweißreichen Gaumenkitzel schwören. Sogar ein Kochbuch über “Kulinarisches von Pferd und Fohlen” ist kürzlich erschienen. Da kann man den Freunden des Pferdefleisches nur zurufen: “Guten Appetit!”

Hans Lehrer