Frühlingserwachen

Frühlingserwachen Mit dem Frühling erwacht neues Leben. Die Natur befreit sich aus der Umklammerung des langen, kalten Winters und beginnt endlich wieder zu atmen. Sie saugt die “linden Lüfte” ein und beschert uns ein Blumen- und Blütenmeer. Mit den Zeilen:

“Nun armes Herz vergiss der Qual
nun muss sich alles, alles wenden!”

endet ein Frühlingsgedicht von Ludwig Uhland, das mich in meinem Hoffnungsglauben an ein Leben nach dem Tode bestärkt.

Dabei ist der Name Frühling oder Frühjahr gar nicht einmal so alt, wie man vielleicht annehmen möchte. Der einfache Mensch der Urzeit kannte den Begriff Frühling als besondere Jahreszeit nicht einmal. Für ihn folgte auf den Winter der Sommer. Das älteste deutsche Wort für Frühling ist "Lenz" und bedeutet die Jahreszeit, in welcher “lange Tage” sind, die Tage länger werden. In Österreich und bei uns, aber auch im Oberhessischen heißt der Frühling manchmal auch “Auswärts”. Während in unserem ersten Liederbuch aus der Volksschulzeit der personifizierte Winter als ein eiszapfenbehangener, weißer Riese abgebildet war, der als “ein rechter Mann” gepriesen wurde, sahen wir auf einer anderen Seite den Frühling “im freien Felde” sitzen, verkörpert durch eine gar liebliche Mädchengestalt, die auf einer Schalmei blies, auf der sich ein Vöglein niedergelassen hatte. Als Familienname kommen Frühling, Frühjahr und Lenz nicht vor; wenn jemand trotzdem Lenz heißt, ist damit die Abkürzung von Lorenz gemeint.

Entsprechend der geographischen Lage und dem Klima, die einen früheren oder späteren Anfang der warmen Jahreszeit bewirken können, werden als Frühlingsbeginn verschiedene Tage genannt. So gilt vielfach schon der 2. Februar (Lichtmess) als erster Frühlingstag, häufiger aber der 22.Februar (Petri Stuhlfeier). Bauernregeln bringen den Frühlingsbeginn ferner mit dem hl. Matthias (24. Februar) in Verbindung; noch öfter gilt der 17. März (Gertrude) als solcher, was man auch schon von der hl. Kunigunde (3. März) behauptet, während man andererseits erst vom 25. März sagt:

“Auf Maria Verkündigung
kehr’n die Schwalben wieder um!”

Für unsere mitteleuropäischen Verhältnisse ist es wohl besser, wenn der Frühling erst auf den Georgitag (23. April), also ungefähr in die Osterzeit verlegt wird. Der astronomische Frühlingsbeginn, die Frühlings-Tag- und Nachtgleiche, spielt im Volksglauben keine Rolle.

Des Frühlings “frischer Duft und neuer Klang”, wurde von jeher mit Sehnsucht erwartet, die umso größer gewesen ist, je schwerer und unerträglicher dem Menschen das Joch des Winters war, dem er einst bei mangelnder oder schlechter Beheizung und Beleuchtung der dürftigen Unterkunft und in seiner ärmlichen Bekleidung fast schutzlos preisgegeben war. Freudig festlich, mit Frühlingsliedern und Frühlingsrufen war daher die Begrüßung des Frühlings. Volks- und Kinderlieder; Sprüche und Reime begleiten auch heute noch fast alle Frühlingsbräuche und Frühlingsfeste.

Im Frühling wird die Welt “schöner mit jedem Tag!” Aber auch die Natur des Menschen ist hierbei einem Wandel unterworfen und neigt mehr denn je zu Krankheiten, wie sie bei unserem Nachbarn auftreten, der regelmäßig sein Magengeschwür bekommt. In der Volksmedizin ist daher der Frühling so gefürchtet wie der Herbst; denn beide nehmen die Kranken mit. Als die gefährlichsten Monate gelten der März und der April.

Andererseits aber hat der Frühling mit seinen warmen und befruchtenden Strahlen der Sonne auch segensreiche Seiten. Besondere Heilkraft besitzen die ersten Frühlingspflanzen. Sie gelten allerdings als unverletzlich und bringen dem Schaden, der sie ausreißt. Abergläubige Menschen zählen die ersten Rufe des Kuckucks und wollen wissen, wie lange sie noch zu leben haben. Heiratslustige nutzen die engsten Beziehungen, die der Frühling zum Liebes- und Eheleben hat, und ich entblöße mein Haupt vor dem Mairegen, damit er mir mit seiner segensreichen Kraft die alte Haarpracht wieder zurückbringe.

Hans Lehrer