G'weichte Frühlingseier

Als Kind glaubte ich ganz fest an den Osterhasen. Schließlich hatte ich ihn doch selber schon einmal mit eigenen Augen gesehen, als er draußen auf dem Moosfeld, wo meine Tante gerade in Richtung Hüllgraben arbeitete, über die Furchen sprang und ein paar braun gefärbte Eier, deren Farbe aus eingeweichten Zwiebelschalen herstammten, zurückließ. In unseren Garten kam er in den Tagen vor Ostern nicht nur einmal sondern gleich des öfteren. Ich hatte ihm nämlich ein schönes, mit Moos ausgepolstertes Nest hergerichtet, in das er sich nur hineinzusetzen brauchte, um die kleinen bunten Zuckereier, die ich so gerne mochte, zu legen. Am Ostersonntag aber brachte er selbst ein Körbchen mit, das er so gut versteckte, dass mir meine Eltern beim Suchen halfen, indem sie "warm" oder "kalt" riefen. Groß war anschließend die Freude über den Eiersegen, das Osterlamperl aus Biskuitteig mit der Osterfahne und einen schokoladenen Osterhasen.

Wie das Christkindl, so scheint auch der Osterhase als Gabenbringer unsterblich zu sein; denn er hat schon viele Generationen überlebt und wird auch noch, so lange es Kinder gibt, diesen auf Ostern weiterhin die bemalten Eier bringen, denen man in der Frühlingszeit, insbesondere an den Ostertagen eine konzentrierte Kraft nachsagt, nachdem das Ei ohnehin schon als Verkörperung und magisches Mittel der Lebenskraft und Fruchtbarkeit gilt, so dass wir auch bei den Germanen bereits in heidnischer Zeit entsprechende Vorstellungen und Bräuche annehmen dürfen. Die Kirche hat sich dem uralten Glauben an die Wunderkraft der Frühlingseier angepasst und weiht die von den Bauern gebrachten Eier, an die sich ein festgewurzelter Volks- und Aberglaube knüpft.

Da in der Fastenzeit der Genuss der Eier als flüssiges Fleisch verboten war, andererseits den Hennen aber nicht zugemutet werden konnte, in dieser Zeit keine Eier zu legen, ergab sich zum Osterfest ein Überschuss an Eiern, der an den heiligen Tagen der Auferstehung, namentlich am Gründonnerstag, Karfreitag und Ostersonntag abgebaut werden durfte, indem die Kirche im 12. Jh. die "benedictio ovorum" einführte und den Eiergenuss als eigentliche Grundlage des Ostereier Brauchtums damit zeitlich festlegte. Nach der langen Fastenzeit freute man sich auf die wiedergewonnene Freiheit des Speisegenusses und brachte in katholischen Gegenden neben den bereits erwähnten Eiern auch allerlei andere Esswaren in die Kirche mit, namentlich Fleisch, Osterbrot, Salz und Osterfladen, um eine besondere Segenskraft für die Speisen zu erflehen. Am beliebtesten unter den Osterspeisen wurde der Schinken, den man auch zu Heilzwecken benutzte. Je näher dem Altar, desto kräftiger war die Weihe. Teilweise wurden die Eier zu Ostern aufgeschlagen, damit der Segen auch richtig eindringen konnte.

Kein Frühstück schmeckte so gut, wie das auf Ostern mit dem "Geweichten", das obendrein vor Leibschäden schützte und die Gesundheit stärkte. Unsere Hühner aber erhielten indessen das geweihte Hausbrot. Alles beschenkte sich gegenseitig mit gefärbten Eiern, die lange Zeit nur rot bemalt waren und erst später mit Verzierungen und Sprüchen versehen worden sind. In seinem Tagebuch vermerkte der Abt Jakob von Schuttern bereits am 16. April 1691: "Den hiesigen Kindern verstecke ich Ostereier im Garten." Geweiht, aber auch ungeweiht erweist das Osterei seine zauberischen Eigenschaften. In Bayern schreibt man den Ostereiern Steigerung der männlichen Potenz zu. Wer am Ostersonntag ein Osterei bei sich trägt, kann in der Kirche angeblich alle Hexen erkennen. Die Schalen der Ostereier, besonders die der geweihten, dürfen nicht blindlings weggeworfen werden, und Mutter verbrannte sie deshalb im Herdfeuer, zusammen mit den Bröseln des Osterfladens. Vor allem die am Gründonnerstag gelegten Eier, also sogenannte "Antlaßeier", die schon in der Henne geweiht sind, vergrub man wegen ihrer großen Segenskraft als Ganzes im Stall, Obstgarten und auf dem Acker in der Hoffnung, dort die Fruchtbarkeit zu mehren und böse Tiere und Krankheiten abzuhalten.

Ansonsten zählten die gesottenen Eier oder die eingeschlagenen "Ochsenaugen" im weiteren Verlauf des Jahres für uns Buben eher zu den untersagten Speisen mit Mutters Begründung, dass uns bei zu häufigem Eiergenuss der "Kamm" anschwellen würde.

Hans Lehrer