Die Hauptstraße

Die Ortschaft, in der ich groß geworden bin, war früher ein typisches Straßendorf und lag an der einst so wichtigen Salzstraße, die über Wasserburg nach München führte. Die behäbigen Häuser, deren Gärten und Felder nach hinten hinausgingen, befanden sich beiderseits dieser Straße, die bis auf den heutigen Tag, trotz des Baues einer Umgehungsstraße, noch immer die eigentliche Hauptstraße bildet. Im Laufe der Zeit hat sie allerdings ihr Gesicht verändert. Verschwunden sind die Straßengräben, in denen früher das Regenwasser abfloss. Dafür sind jetzt die Straßenränder mit Autos vollgeparkt - Parkdauer eine Stunde mit Parkuhr. Die Pflasterung von damals wich einer neuzeitlichen Asphaltdecke und den Anwesen ist kaum mehr anzumerken, dass sie früher allesamt Bauernhöfe waren, von denen jeder einen Hofnamen besaß. Die meisten Gebäude stehen auch heute noch an ihrem alten Fleck und sind sauber hergerichtet . Trotzdem fehlt ihnen die Ausstrahlung, die sie einst besaßen, und das gemütliche, gesellige Leben ist aus den Mauern gewichen. Der Kommerz hat Einzug gehalten und die dörfliche Struktur mit ihren Lebensqualitäten ein für allemal vernichtet. Auch der Hof, in dem ich meine frühe Kindheit verbrachte und in dessen Räumen sich heute eine Sozialstation befindet, liegt direkt an der Hauptstraße. Beim Anblick dieses Bauernhauses scheint die Zeit stehen geblieben zu sein; denn zum Leidwesen der derzeitigen Besitzer ruht auf ihm der Denkmalsschutz.

Gleich nach dem Krieg herrschte auf der Hauptstraße die reinste Völkerwanderung. Es waren vor allem versprengte Menschen, die meist zu Fuß oder auf Pferdefuhrwerken unterwegs waren und ihrer Heimat zustrebten oder eine neue zu finden hofften. Amerikanische Soldaten donnerten mit ihren Panzern und Lastwagen als unsere "Befreier" über das Kopfsteinpflaster. Viel Gesindel kam zum Betteln bis an unsere Haustüre, versuchte gar etwas zu stehlen oder verlangte einfach, wie jener farbige Soldat, der unsere sämtlichen Hühner beschlagnahmen wollte und sich, dank der Unerschrockenheit meiner Mutter, schließlich mit einem Korb Eier zufrieden gab. Trieb ein Schäfer seine Herde ab und zu durch die Hauptstraße, gab es immer ein paar Leute oder Kinder, die mit Schauferl und Kübel ausgerüstet, hinter drein liefen und die Schafboidln zur Verwendung als Gartendung einsammelten. Diese Straße, auf der immer die Prozessionen und Umzüge stattfanden, war auch der Spielplatz für uns Kinder schlechthin. Es war halt zu verlockend, nach einem heftigen Regenguss im Straßengraben zu baden oder einfach mit dem Baaz zu spielen. Im Winter, wenn es schon dämmerte, hängten wir uns heimlich hinten an den Linienbus, der zwischen Haar und Steinhausen verkehrte und ließen uns ein Stück auf der spiegelglatten Straße mitschleifen, wobei mein ganzes Maschkaragewand einmal in Fetzen herunterhing, als ich nicht mehr auslassen konnte. Im Biergarten vom Obermaier, der ebenfalls an der Hauptstraße lag, tranken wir die letzten Noagerl aus den Maßkrügen, ein Lausbubenstück, das heute unvorstellbar wäre. Auch die Gaudi am Faschings Sonntag fand jedes Jahr vor dem Wirt auf der Hauptstraße statt, wo fast das ganze Dorf auf den Beinen war.

Bis auf einen Armbruch der Frau Kunig, die einmal auf der Hauptstraße vom Rad stürzte und das Missgeschick der Frau Hofberger, die vom Heurechen fiel, als das Pferd scheute, kann ich mich an keinen ernsthaften Unfall auf der Straße erinnern.

Hans Lehrer