Herrgottsvögel

Immer wenn auf unserem Bauernhof die Hühner gefüttert wurden, kamen auch die Tauben scharenweise herbeigeflogen und pickten die Körner emsig auf. Niemandem wäre es in den Sinn gekommen, ihnen diese Speise zu missgönnen, sie gar zu verscheuchen. Sie gehörten einfach zum Hof und verbrachten die meiste Zeit in ihrem Taubenkobel, wo sie ein gemütliches Leben führten. Worin lag nun, außer dem bisschen Fleisch für ein leckeres Mahl, der eigentliche Nutzen dieser Tiere? Dazu muss man mehr über sie wissen.

Die ursprüngliche Heimat der Tauben war das alte Mesopotamien. Ein Volksglaube besagt, dass sie zur Nachkommenschaft jener Taube gehören, die Noah aus der Arche hat ausfliegen lassen und dorthin nicht wieder zurückgekehrt ist. Im Altertum wurde die Taube vornehmlich den Gottheiten der Liebe und der Fruchtbarkeit geopfert. Die Tauben sind in der Liebe sehr treu und brechen ihre Ehe nicht. Es brüten auch beide Tauben, der Tauberich und das Weibchen, abwechselnd. Einige bleiben nach dem Verlust ihres Gemahls verwitwet und meiden die gemeinsame Wohnung der gepaarten Tauben, damit sie die Männchen nicht beunruhigen. Sie fliegen fort und wohnen in den wilden Felsen. In ganz Vorderasien galt die Taube als Trägerin von “Kinderkeimen”. Die Leute suchten hierin eine einleuchtende Erklärung für die Empfängnis der hl. Maria durch die Taube, die man mit dem hl. Geist identifiziert hatte. Schon Hippokrates, der bekannte Arzt aus der Antike, empfahl Taubenfleisch als Empfängnismittel.

Die Taube gilt als ein “Herrgottsvogel”. Sie schützt das Haus gegen Blitz, gegen Todesfall, gegen Feuersgefahr. Vielerorts darf man sie nicht schlachten, sonst entflieht das Glück. Auf eine glückliche Ehe deutet es auch, wenn das Brautpaar beim Heraustreten aus der Kirche Tauben erblickt. Im Allgäu heißt es, dass die Turteltaube der Mutter Gottes den Ehering gebracht habe; deshalb hat sie einen Ring um den Hals und deswegen sagt man von ihr “sie stirbt” und nicht “sie geht drauf”. Während andere Vögel fröhlich vor sich hinzwitschern, hört sich der Ruf der Taube wie ein einziges Wehklagen an, ja, man könnte fast meinen, sie weint. Vielleicht glaubt man deshalb auch, dass sich der Geist der Verstorbenen den Lebenden sehr oft als weiße Taube zeigt.

Als so heilig gilt die Taube, dass sich der Teufel und die Hexen nicht in sie verwandeln können. Wegen ihres sanften Wesens ist die Taube auch ein Symbol für den Frieden. In der Volksmedizin werden die wundersamen Heilkräfte der Taube seit alters hoch geschätzt.

In den Städten spricht man von einer Taubenplage und versucht ihre Anzahl zu dezimieren. Ihr scharfer Kot verschmutzt alte, ehrwürdige Baudenkmäler und hinterlässt oft irreparable Schäden. Es wird sogar befürchtet, dass durch die Tauben Krankheiten übertragen werden. Man wusste sich nicht mehr anders zu helfen, als ein gesetzliches Fütterungsverbot zu erlassen.

Scheinbar ist man auf die Glücksbringer nicht mehr angewiesen!

Hans Lehrer