Im Austrag

Niemand traut so recht dem Gleichnis im Evangelium von den Vögeln, die weder säen noch ernten und dennoch vom himmlischen Vater ernährt werden. Da zahlt man schon lieber ein halbes Leben lang seine Beiträge in die Rentenkasse ein, um im Alter ausgesorgt zu haben. Versicherungen sind eine Erfindung der neueren Zeit. Früher waren die Kinder, denen man das Sach’ hinterließ, oder ein Sparstrumpf die Altersvorsorge für die durch Arbeit gebeugten und müde gewordenen Eltern. Doch wie heißt es so schön im Sprichwort? “Eher können Vater und Mutter sieben Kinder ernähren als sieben Kinder ihre Eltern”. Da ist etwas Wahres daran. Gab es ein größeres Unrecht, als wenn die Kinder ihren Eltern das “Ausgeding” nicht hielten? Gar mancher Bauer hauste bis zu seinem Tod fort, aus Furcht, wenn er Haus und Hof übergäbe, vom Übernehmer nicht das vereinbarte Altenteil zu erhalten. Und weil der Alte nicht Austrägler werden wollte, fing der Junge, der darüber vierzig und mehr Jahre alt wurde, seinen eigenen Hausstand an, oder er blieb aus Überdruss gar ledig, und das Hofanwesen ging in vielen Fällen gar nicht mehr auf Kindeskind über. Dutzende von Familien starben auf diese Weise aus und ihre Höfe blieben verwaist.

Blieben die Eltern nach der Übergabe auf dem Hof, zogen sie sich auf das Altenteil zurück. Dabei waren die Alten wohl so schlau oder auch vorsichtig genug, sich nicht auf irgendwelche mündlichen Versprechungen ihrer Kinder einzulassen. In brieflich vereinbarten Übernahmeverträgen wurde alles geregelt, um später keine “blauen Wunder” zu erleben. Es ging vor allem ums Essen, die Kleidung und das Wohnrecht der Alten. In der Wohnstube beanspruchten die Eltern im Austrag beispielsweise ein “bequemes Örtl”, dazu noch die Kammer über der Stube, oder sie wollten den “besten Ort beim Ofen” und die Stubenkammer zur ebenen Erde, das sog. Austragsstüberl, soweit kein eigenes Austragshäusl vorhanden war.

In einem Fall hatte der alte Vater Anspruch auf jährlich 1 Paar Stiefel, 2 Hemden und alle zwei Jahre eine tucherne Jacke und Hose; die Mutter wollte jährlich 1 Paar Schuhe und Pantoffeln, 2 Hemden, 2 Schürzen und einen Spenzer, alle drei Jahre einen Rock und einen harbenen Bettüberzug. Noch wichtiger als das Gewand war die Verpflegung. Zusätzlich zur täglichen Tischkost beanspruchte man woanders wiederum täglich ein Geschirrl süße Milch, solange eine vorhanden war, 1 Maß Bier, wöchentlich 2 Pfd. zerlassenes Schmalz und 15 Eier, oder alle Eier, die die Hennen am Samstag oder am Montag legten, monatlich 2 Pfd. Zucker und 1 Pfd. Kaffe, zu Ostern, Weihnachten und an jeder der beiden Kirchweihen stets je 6 Pfd. Rindfleisch, alle Samstage 5 Nudeln und alle heiligen Zeiten ein Laibl weißes Brot.

Zum Heizen verlangte ein anderes Austräglerpaar jährlich 1 Klafter Fichtenholz und 1 Klafter Prügel, zur Beleuchtung 2 Pfd. Leinöl. Sollte einer der beiden krank werden, musste ihnen vom Hof aufgewartet oder auf Kosten des Bauern eine Pflegeperson gestellt werden. Darüber hinaus waren den Austräglern jährlich 1 Metzen Korn, Weizen und Gerste, sowie 4 Scheffel Kartoffel zu reichen.

Zur finanziellen Absicherung wurde neben dem Abstandsgeld, das meist bei 100 Gulden lag, gewöhnlich auch ein Quatembergeld von meist einem Gulden vereinbart. Für den Fall, dass ein weiteres Verbleiben der Austragsleute wegen Zwistigkeiten und Zänkereien mit den jungen Eheleuten nicht mehr möglich war, musste ihnen ein Herbergsgeld von jährlich 8 Gulden gewährt werden.

Neben den bereits aufgeführten Bedürfnissen war in einem anderen Vertrag sogar sechsmal im Jahr auf Verlangen ein einspänniges Schweizer Wägerl mit Pferd zu stellen.

Alles war verbrieft und versiegelt. Ob sie es dennoch bekommen haben, die Alten im Austrag, ist eine andere Frage. Im Gegensatz zu heute aber gab es jedoch einen Zusammenhalt in der Familie, wo jung und alt beisammen lebten, wo einer den anderen respektierte, schätzte und auch brauchte.

Hans Lehrer