Krankheiten im Wandel der Zeit

"G'lebt is glei" heißt ein Buch von Inge Peitzsch, in dem bayrische Feste und bayrische Bräuche beschrieben werden. Der Titel dieses Werkes stimmt mich jedes Mal nachdenklich, merke ich doch deutlich, wie ab einem bestimmten Lebensalter die Zeit viel schneller zu rinnen anfängt. Früher wurden die Menschen allerdings meist nicht so alt wie heutzutage. Vor allem war die Kindersterblichkeit viel höher. Will man wissen, an was die Leute früher gestorben sind, braucht man nur in den alten Kirchenbüchern zu blättern, um die tatsächliche oder vermeintliche Todesursache eines verstorbenen Gemeindemitglieds herauszufinden. Oft konnten die Krankheiten dabei nur mit äußerlich sichtbaren Anzeichen beschrieben werden. War die Krankheit ansteckend, wurde sie häufig mit "Pest" bezeichnet und meinte damit Epidemien jeglicher Art. Krankheiten machten sich auch durch Fieber oder Veränderung des Stuhlgangs bemerkbar. Viele Fiebererkrankungen erhielten Bezeichnungen wie "hitzig", "kalt", "Fluss" oder "faulig". Früher fragten die Ärzte nicht nach den Ursachen sondern nach den Auswirkungen und Begleitumständen, wie etwa nach den Jahreszeiten. Ursachen einer Krankheit konnten erst mit fortschreitender medizinischer Wissenschaft festgestellt werden.

Oft tut man sich schwer, für die früheren Erkrankungen heute die richtige Bezeichnung oder Übersetzung zu finden. Erhalten haben sich die Begriffe wie "Schwindsucht" für Tuberkulose oder "Gelbsucht" für Hepatitis. Häufige Todesursache konnte ein "Brand im Unterleib" sein mit brennenden Schmerzen, deren wahrer Grund, wie ich vermute, in vielen Fällen Krebs war. "Brand der Gedärme infolge von Brucheinklemmung" ließ den Jakob Meyer von Heimstetten am 22.1.1844 mit 72 Jahren aus dem Leben scheiden. 1858 starb Margaretha Mooseder von Moosach mit 52 Jahren an "Nervenfieber", was nichts anderes als Typhus war. Wegen einer "Nervenlähmung" konnte der Anna Stalter mit 66 Jahren nicht mehrgeholfen werden. Den 47jährigen Taglöhner Johann Hauswirth ereilte das Schicksal beim Zubettgehen, als er mit seinem "schlechten Haxen" von der Treppe stürzte. Mit "Schlagfluss" bezeichnete man Schlaganfälle und Gehirnblutungen. Nicht zu spaßen war mit dem "Blutfluss", einer Krankheit, die meistens tödlich endete und heute unter dem Namen "Ruhr" besser bekannt ist. Bei einem 19jährigen Jüngling war "Lungenlähmung" die Todesursache, während ein Bub wegen "Lähmung des Gehirns" nur sechs Jahre alt wurde. Durch "Schleimlungensucht" und "Lungenbrand" wurden viele Menschen schon in jungen Jahren hinweggerafft. Meine Ur..großmutter Margaretha Erhard starb am 19.11.1816 an "Entkräftigung" mit 77 Jahren. Vor allem kleine Kinder hatten häufig die "Fraisen", gemeint waren damit tödliche Krämpfe. Am 1.2.1859 musste Maria Heinrich von Feldkirchen im Landkreis München mit 40 Jahren aus dem Leben scheiden. Im Sterberegister stand als eigenartige Todesursache "Gebärmutterfluss, veranlasst durch regelwidrige Verbindung des Mutterkuchens mit der Gebärmutter". "Abzehrung" hatte bei der 89jährigen Witwe Maria Adam am 22.10.1880 den Tod zur Folge und meinte damit einen allgemeinen Kräfteverfall. Am 18.4.1828 wurde Catharina Kunz wegen der "Sechs Wochen Krankheit", dem heutigen Kindsbettfieber, aus dem Leben abberufen.

Mit Hilfe neuer medizinischer Erkenntnisse konnten viele der früher so gefürchteten Krankheiten, die besonders durch Infektionen entstanden waren, endgültig ausgerottet werden. Trotzdem wird auch heute niemand vom Tod verschont; denn neue, ebenso gefährliche Krankheiten plagen die Menschheit weiterhin. Auch gegen den Krebs ist noch "kein Kraut gewachsen".

Hans Lehrer