Kuckuck...ruft's aus dem Wald

Der Kuckuck führt einen Namen, der den Klang des von ihm ausgestoßenen Rufes widerspiegelt. Durch sein auffallendes Wesen, das er zur Schau trägt und die mancherlei ganz aus der Regel fallenden Lebensgewohnheiten, die man an ihm beobachten kann, hat er schon immer meine Fantasie angeregt und mein Interesse geweckt, vor allem auch durch die vielen Lieder, mit denen er von Groß und Klein besungen wird. Die Ankunft des Kuckucks im Frühling wird vielfach zu einem ganz bestimmten Tag erwartet; so gilt in Deutschland der 14. oder 15. April als Kuckuckstag. Bald darauf setzt beim Kuckuck die in so eigentümlicher Form sich äußernde Sorge um den Nachwuchs ein, und das Kuckucksweibchen beobachtet die in Betracht kommenden Vögel beim Bauen, durch deren frisch errichtetes Nest sie zum Legen angeregt wird. Hat nämlich die auserkorene Ziehmutter ihr zweit- oder drittletztes Ei gelegt, so legt das Kuckucksweibchen ihr Ei in das fremde Nest, wobei sie vorher ein Nestei herausnimmt und dieses während des Legens im Schnabel behält. Das Männchen lenkt unterdessen durch offenes Dasitzen die Aufmerksamkeit der Pflegeeltern auf sich. Das Kuckucksei entspricht nach Farbe und Zeichnung im Durchschnitt den Eiern der Vögel, bei denen der Kuckuck schmarotzt. Das Kuckucksweibchen legt in einem Frühjahr bis zu 18 Eier, jegliches in ein anderes Nest. Da das Kuckucksei einer kürzeren Brutzeit, als die übrigen Eier bedarf, schlüpft der Kuckuck als erster aus. Sogleich erwacht in ihm der Trieb, alles was im Nest sich befindet, hinaus zu befördern; dieser Trieb dauert an, bis er vier Tage alt ist, dann ist er aber auch Alleinherr im Nest. Um die hinausgeworfenen eigenen Jungen kü mmern sich die Eltern nicht, sie widmen sich lediglich der Aufzucht des unersättlichen Nestinsassen.

Trotz seines schlechten "Rufes" ist der Kuckuck der mit Freuden willkommen geheißene Frühlingsbote; heißt es doch: Wenn der Kuckuck schreit, ist der Frühling nicht mehr weit. Höre ich aber zum ersten Mal die Stimme des Kuckucks und schüttle dabei meinen Geldbeutel, so werde ich das Jahr über keinen Mangel an Geld leiden. Auf diese Weise vermag man sogar das große Los der Fernsehlotterie zu gewinnen. Man schreibt dem ersten Kuckucksruf, bei dem man sich rasch etwas wünschen soll, was dann in Erfüllung gehen wird, noch eine ganze Anzahl weiterer vorbedeutender Eigenschaften zu. Mit seinem Rufen kündigt der Kuckuck die Zahl der noch verbleibenden Lebensjahre an, wenn man ihn darum fragt. Bei den 22 Rufen, die ich im letzten Jahr vernommen habe, möchte ich noch zwanzig Jahre in irdischen Freuden verbringen, um mich die restlichen zwei Jahre der Buße zu weihen. Heiratslustigen Mädchen muss der Kuckuck durch sein Rufen weissagen, wie lange es noch dauern wird, bis sie unter die Haube kommen und gibt sogar die Kinderzahl an, auf die man in der Ehe hoffen darf. Vernimmt man den Kuckucksruf morgens beim Verlassen des Hauses, glaubt man bald eine Neuigkeit zu erfahren. Ein recht schlimmes Zeichen ist es, wenn man den Kuckucksruf noch abends nach dem Betläuten zu hören bekommt.

Der Kuckuck ist als ein scheuer Vogel bekannt. Kommt er trotzdem einmal in die Nähe menschlicher Behausungen, so nimmt man dies als ein Zeichen drohenden Unheils. Ferner gehört er zu den Vögeln, aus deren Verhalten man Schlüsse auf Witterung und Wachstum zieht. Taucht er auf, ehe noch die Bäume ausgeschlagen haben, kommt es in diesem Jahr zu einem frühzeitigen Winter. Die Verä chtlichkeit, mit der man dem Kuckuck andererseits begegnet, findet ihren Ausdruck in den Pfändungsmarken, wenn man vom Wappenadler auf den Pfändungsmarken als vom "blauen Kuckuck" spricht.

Hans Lehrer