Nun ade, du mein lieb Heimatland ...

Seine Heimat verlassen, auszuwandern, gar noch in einen anderen Erdteil, das ist ein schwerwiegender Entschluss im Leben eines Menschen. Mir wäre es himmelangst dabei, und trotzdem gibt es viele, die zu allen Zeiten ihrer Heimat für immer Lebewohl sagten, um irgendwo auf der Welt eine neue, möglichst bessere Existenz aufzubauen.

Auch viele Bewohner des Königreiches Bayern haben im 19. Jahrhundert ihrer Heimat für immer den Rücken gekehrt. In seinem Bericht über die "Entwicklung und den gegenwärtigen Zustand des Auswanderungswesens im Königreich Bayern" gibt G. Krieg bekannt, dass in den Jahren 1836 - 1871 nach seinen Ermittlungen insgesamt 243.593 Personen nach "Amerika" ausgewandert sind. Mit gezählt sind hierbei nicht die "heimlichen Auswanderer". Wie in der umfassenden Darstellung von Friedrich Blendinger nachzulesen ist, war jede Auswanderung zur kurfürstlichen Zeit noch verboten; denn dem Staat, dessen Bevölkerungszahl sehr gering war, sollten alle Kräfte für seinen Aufbau erhalten bleiben. Diese Verbote wurden bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts immer wieder erneuert. Nur Ungläubige, Juden und Bettler sollten das Land verlassen dürfen. Dagegen vertrat Joseph Wisinger 1804 in seinem Büchlein "Über die Auswanderung in besonderer Hinsicht auf Baiern" eine völlig neue Auffassung, die dem Gedankengut der Französischen Revolution entsprang. "Der Staat habe kein Recht und keine gesetzliche Befugnis, den wegziehenden Bürger mit Gewalt zu zwingen, sein Mitglied zu bleiben. Er habe jedoch die Pflicht, alles zu tun, um seine Bürger vom Wegziehen abzuhalten und sie als tätiges Mitglied zu erhalten". Das neugegründete Königreich Bayern konnte sich dieser Entwicklung auf die Dauer nicht widersetzen. Besonders der Weg über den Atlantik zu den nordamerikanischen Ländern gewann immer mehr an Bedeutung. Mit der Unterzeichnung eines entsprechenden Freizügigkeitsvertrages durch König Ludwig I. wurde endlich eine Möglichkeit geschaffen, den meist besitzlosen Schichten in Stadt und Land ein Tor zur "Neuen Welt " aufzutun, vielleicht auch zu einer besseren Zukunft zu verhelfen. Die meisten Auswanderer erhofften sich in der Tat ein leichteres Los oder einfach bessere Lebensumstände, im neuen Land, der "unbegrenzten Möglichkeiten", allerdings meist mit dem Verzicht, die alte Heimat je wiederzusehen, wobei auch der Briefverkehr, die einzige Verbindung, die noch bestand, bald einzuschlafen schien. Beispiel eines Einzelschicksals ist das meines Ururgroßonkels Ludwig Lehrer. Im Jahre 1811 waren er und seine Geschwister, zusammen mit der alten Mutter, als evangelische Siedler aus dem Hanauer Land, Teil des Großherzogtums Baden, nach Oberbayern gekommen, wo sie sich in Feldkirchen, vor den Toren Münchens, niederließen. Ludwig Lehrer, von Beruf Wagner, fand im benachbarten Neufarn auf die Dauer kein rechtes Fortkommen; denn seine Wagnerei lag abseits der Landstraße, dort, wo fast keine Fuhrwerke vorbeikamen. Er hatte aber vor allem kein Glück mit seiner Familie. Kurz hintereinander waren ihm gleich zwei Frauen nach der Niederkunft weggestorben. Von seinen sechzehn Kindern blieben nur vier am Leben, gemäß dem Spruch: "Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen". Sein einziger Bub, der bereits auf der Auswandererliste nach Nordamerika mit droben stand, wurde mit sieben Monaten vom Hufschlag eines Pferdes am Kopf tödlich verletzt und starb am 17.9.1846, vierzehn Tage vor Antritt der Überfahrt noch in der alten Heimat. Die leidgeprüften Eltern hielt nichts mehr. Obwohl sie, wie übrigens alle anderen Auswanderer auch, auf das "Gefährliche und Gewagte" ihres Unternehmens ausdrücklich hingewiesen wurden, waren sie in ihrem Entschluss nicht mehr umzustimmen. Nachdem alle gesetzlichen Vorschriften erfüllt waren und die Auswanderungserlaubnis aus dem "bayerischen Untertanenverband" durch die königliche Regierung vorlag, wanderte Ludwig Lehrer Anfang Oktober 1846 mit seiner dritten Frau Anna Philippine und seinen Töchtern Anna Pilippine (15), Elisabeth (17), Anna Maria (16) und Katharina (4) über Calais mit der Post-Schiffsagentur Washington Finlay nach New York aus. Ziel war jedoch die Ortschaft Harbin im Staat Illinois. Bezahlt hatte er die Reise aus dem Erlös seines Anwesens, dessen Verkauf ihm 3700 Gulden eingebracht hatte.

Gerne hätte ich gewusst, was aus dieser Familie geworden ist. Haben sie wirklich jenseits des Atlantik ein besseres Leben und eine neue Heimat gefunden? Oder waren sie in noch tieferes Elend geraten und vielleicht sogar umgekommen.

Hans Lehrer