Osterfeuer

In der katholischen Kirche in Deutschland wird seit dem 12. Jh. in der Regel am Karsamstag, früher auch oft am Gründonnerstag, selten am Karfreitag, nachdem in der Kirche alle Lichter gelöscht worden sind, auf dem Kirchhof das Osterfeuer entfacht und geweiht und an ihm dann die Osterkerze und alle Lampen und Lichter in der Kirche entzündet. An meine frühe Kindheit zurückdenkend erinnere ich mich noch gut, wie die Ministranten den Brennstoff dazu vom Holzstoß hinterm Pfarrhof holten und es dabei trotz Protests der Pfarrerköchin auf die Daxenbüschel abgesehen hatten, die besonders gut brannten. Das geweihte Feuer aber soll die neue Lehre Christi oder den Heiligen Geist versinnbildlichen.

Das kirchliche Osterfeuer hat auch große Bedeutung für das häusliche Leben. Vor dem Kirchgang wurde das Herdfeuer sorgfältig ausgelöscht und dann mit den von der Feuerweihe heimgebrachten Kohlen von neuem angefacht. Heute noch halten die Buben zuweilen Baumschwämme über das gesegnete Feuer und schwingen sie auf dem Heimgange an einer kleinen Eisenstange. Dadurch soll das Feuer unterm Jahr gezähmt werden. Ebenso lässt man auch mitgebrachte Holzscheite im geweihten Feuer ankohlen. Je schwärzer sie werden, desto besser. Sie kommen in die Gärten und auf die Felder (Wintersaat) und werden dort, um diese fruchtbar zu machen, an den Ecken eingegraben. Dadurch soll der österliche Segen in die ganze Natur getragen werden; denn mit der Auferstehung Christi hat ein neues, gesegnetes Leben und die Zukunft des verklärten Kosmos begonnen. Oder sie werden unterm Dach aufgehängt, um das Haus gegen Feuersbrunst und sonstigen Wetterschaden zu schützen. Wo aber kein Osterfeuer brennt, da zündet Gott in dem Jahr durch Brand ein Feuer an.

An manchen Orten wird das Osterfeuer als Judasfeuer, "Judasbrennen" bezeichnet, wobei vor allem früher auch eine Strohpuppe mit verbrannt wurde. Sie sollte den Verräter Judas bedeuten. Von diesem umstrittenen Brauch ist man in letzter Zeit abgekommen, obwohl das Judasfeuer wie auch das Osterfeuer überhaupt nach Ursprung und Bedeutung zu den Frühlingsfeuern gehören, die nicht antisemitischen Ursprungs sind, sondern agrarkultischen Zwecken dienten und bis in die heidnische Zeit hineinreichten, später aber durch das kirchliche Osterfeuer ersetzt wurden, das der Priester am Morgen des Karsamstags vor der Kirche ursprünglich durch Reibung oder mittels Feuersteins entzündete und weihte. Bereits während dieser Feuerweihe fand hier und da eine Judasverbrennung statt, und man maß dem Judasfeuer zauberische Kräfte bei. Nach einer heiligen Andachtsfeier aber hob das Johlen und Schreien an: Der Jaudes brennt, der Jaudes, der Jaudes!"

Die Weltanschauung hat sich geändert und auch vor diesem altbayerischen Osterbrauch des Jaudesbrennens nicht halt gemacht. Eine symbolische Verbrennung könnte aus welchem Grunde auch immer, wie wir vor einigen Jahren in Obermenzing erlebt haben, falsch verstanden werden und leicht zur Fehldeutung führen. Außerdem hat uns Oberammergau bei den letzten Passionsspielen gelehrt, dass sich das Bild des Judas geändert hat. Aus dem geldgierigen Verräter wird ein Mensch, der von Jesus und dessen scheinbarer Machtlosigkeit enttäuscht ist, im Grunde aber, wie wir alle, ein vorherbestimmtes Werkzeug in der Hand Gottes ist.

Hans Lehrer