Scheidung - anno 1807-1808

(Aus den Gerichtsprotokollen)

Scheidung anno 1807-1808 In den Jahren 1807-1808 hatte mein Vorfahre, der Stubenwirt Christian Lehrer allerhand Ärger am Hals. Am 3. November 1806 verheiratete er sich mit der vorgeblichen Jungfrau Salomea Reinboldin, geriet aber bald darauf, wegen derselben, ohne sein Verschulden, in äußerste Verlegenheit. Einige Tage vor der Heirat fragte er seine Braut, ob ihr kein Hindernis im Weg sei und frei von allen Mannspersonen wäre, worauf sie beteuerte, dass sie von allen Mannspersonen frei, ledig und rein sei und mit keinem einigen Umgang gepflogen, welches auch ihre Familie bestätigen konnte. Bereits vierzehn Tage nach der Hochzeit wurde die Frau unpässlich, und der Ehemann befragte sie, wo es fehle und was wohl die Ursache ihrer Unpässlichkeit sein möge, und ob vielleicht ihre monatliche Reinigung eintrete, und wann sich solches das letzte Mal bei ihr eingestellt habe? Darauf er von ihr zur Antwort erhielt, gerade jene Woche vor der Hochzeit. Bald fühlte er sich hintergangen und getäuscht als kurz nach ihrer Besserung sich das allgemeine Gerücht einer Schwangerschaft verbreitete, welchem er aber so lange keinen Glauben beigemessen, bis solches von ihrer Schwester Barbara geoffenbart worden. Als er seine Gattin befragte, ob es so sei oder nicht, leugnete sie alles und beschimpfte und vermaledeite die Leute wegen dieser Aussage. Nach einer scharfen Befragung gestand sie endlich am 13. Januar 1807, dass sie von einem ledigen Burschen, namens Wilhelm Ernst, geschwängert worden sei, mit welchem sie sich, auf ihr erstes Geständnis hin, nur einmal abgab, bis sie zuletzt dreimal bekannte.

In der Absicht, von einer solch schlechten Person getrennt zu werden, machte der betrogene Ehemann gleich beim Herrn Pfarrer eine Anzeige und bat ihn um Rat. Dieser sprach ihm zu, die Sache aufs beste zu vermitteln oder aber er solle sich an das Gericht wenden. Der Mann wollte diese Peson nicht mehr im Hause dulden. Allein die Pflicht der Nächstenliebe gebot es ihm, sie während ihrer Kindsbettzeit, welche am 23. April d. J. erfolgte, zu verpflegen und zu unterstützen. Er wollte sich mit ihr sogar versöhnen, wenn er nicht von Tag zu Tag mehrere Schlechtigkeiten und sehr übles Betragen wahrgenommen hätte. Während ihrer Schwangerschaft machte sie mit allen ledigen Burschen herum und führte ein solch zügelloses Betragen, dass sich jedermann ärgerte. Unter einer Kaffeetasse fand ihr Mann etliche Gulden, die sie vom Wirtschaftserlös abgezweigt hatte. Der rechtschaffene Ehemann verlangte endgültig am 6. Juli 1807 die Ehescheidung und bat das wohllöbliche Amt ergebenst, die Sache aufs schleunigste zu entscheiden, damit die ihm gehörige Wirtschaft nicht zerrüttet werde und er nicht in einen üblen Ruf gerate. Aus der Scheidung wurde nichts. Die Frau hatte für alles eine Erklärung bzw. Ausrede. So gab die beklagte Ehefrau an, sie könne es mit Gott bezeugen, dass sie in dem Augenblick, da sie geheiratet hätte, nicht gewusst habe, dass sie schwanger sei, indem sie sonst diesen Schritt, sich zu verheiraten, nicht würde getan haben. Was sie aber glauben gemacht, dass sie nicht schwanger sei, wäre dies, dass sie den weißen Fluss gehabt, bei welchem ohnedies die monatliche Reinigung ausbleibe. Übrigens konnte der Ehemann nicht in Abrede stellen, dass er vom 13. Januar an, dem Tag, an dem sie ihm ihre Schwangerschaft geoffenbart, bis vierzehn Tage vor ihrer Niederkunft mit ihr als Ehemann fortgelebt habe, welches beweise, dass er an keine Ehescheidung gedacht habe, sondern vielmehr ihren Fehler verzeihen wollte. Das unter der Kaffeetasse gefundene Geld habe sie von ihren Gevatterleuten erhalten, und weil sie keinen Sack angehabt, unter eine Tasse gelegt.

Ehemann und Ehefrau wurden bei Vermeidung der gesetzlichen Zwangsmittel angewiesen, die Ehe miteinander nach christlicher Ordnung und gutem sittlichen Wandel fortzusetzen. Man brachte es soweit, dass beide einander die Hand gaben und versprachen, miteinander wie Eheleute zu leben. Vom Stubenwirt Christian Lehrer wurden an Kosten 5 Gulden und 12 Kreuzer erhoben, die er binnen vierzehn Tagen zur Hofgerichts-Registratur einzusenden hatte. So geschehen am 14. April 1808. Die beiden blieben beisammen, wie es sich gehört, bis dass sie der Tod trennte und hatten gemeinsam sieben Kinder. Die Stubenwirtschaft gibt es heute noch immer und sogar mit den Nachkommen des Christian Lehrer und der Salomea Reinboldin.

Hans Lehrer