S(ch)poze

Spoze kommt von Spoz, bedeutet Spatz und ist die Koseform zu Sperling. Wahrscheinlich gehörte dieses, mir so vertraute Wort, zum ersten Sprachschatz meiner frühesten Kindheit; denn so nannte mich liebevoll meine Tante Betti, die selbst nicht verheiratet war, auch keine Kinder hatte und bereits 1890 auf die Welt gekommen ist. Zum Leidwesen Mutter verzog sie mich nach Strich und Faden und schenkte mir ihre ganze, selbst nicht ausgekostete Mutterliebe, die sie für mich empfand. Vom Eiergeld, das sie einnahm, zwackte sie jeden Tag ein paar Pfennige ab, für die ich mir beim Kramer Süßigkeiten kaufen konnte und versteckte vorsichtshalber das Trambahngeld für die Rückfahrt vom Oktoberfest im kleinen Seitenfach ihres Handtäschchens, damit ich nicht in die Versuchung kam, ihr auch noch den letzten Pfennig abzubetteln, um dann womöglich noch zu Fuß nach Trudering heimlaufen zu müssen. Sie legte mir einen kalten Waschlappen über und setzte mich auf ihren Schoß, als die Wiegensäge von der Halterung auf den Boden fiel und meinen kleinen Kopf streifte. Mit ihr durfte ich jedes Jahr einen Ausflug ins Gebirge machen, einmal sogar mit dem "Gläsernen Zug" bis an den Königssee. Als ich größer wurde, fiel es ihr schwer, sich von diesem Kosenamen, den sie mir einst gegeben hatte, zu trennen. Für mich aber ist er eines der schönsten und zärtlichsten Wörter in unserer bayerischen Mundart, die es überhaupt gibt.

Hans Lehrer