Der Türkenteufel

Es war einige Jahre nach der Belagerung Wiens durch die Türken, bei der sich Bayerns Kurfürst Max Emanuel durch heldenhaftes Verhalten ausgezeichnet hatte, als die Münchner Bürger ein gar wohl seltsames Volk sehen konnten, das bei den einen großes Erstaunen und bei den anderen missbilligendes Kopfschütteln hervorrief. Es waren dies die türkischen Soldaten, die der tapfere Kurfürst gefangen genommen hatte. Diese fremden Kerle mussten mit ziemlichen Kosten unterhalten werden, so dass es nur recht und billig war, wenn der Kurfürst - mochten die Muselmänner auch saurere Gesichter dazu machen - sie für sich arbeiten ließ.

So marschierten an einem schönen Maimorgen an die zweihundert Türken, mit Spaten, Hacke oder Baumsäge auf der Schulter, bewacht von zehn Musketieren, durch die Sendlinger Gasse zur Waldarbeit nach Forstenried. Dort angekommen, verteilten sie sich und fingen an, schwer zu schuften. Es war da aber einer, Ibrahim hieß er, der nahm es sich schwer zu Herzen, dass er so fern von seiner Heimat gefangen war, und ihn quälte immerfort der Gedanke, ob es nicht möglich wäre, der Gefangenschaft zu entkommen. Und als die wachhabenden Musketiere die Aufsicht etwas lässig führten, riss er mit einem Dutzend Freunde, denen er sich anvertraut hatte, in Richtung Solln aus. Ehe die Musketiere den Vorfall bemerkten, waren sie außer Sichtweite. Ibrahim und seine Gefährten wollten im ersten Bauernhause, das sie erreichten, Unterschlupf suchen, um einer etwaigen Verfolgung zu entgehen und dann bei günstiger Gelegenheit die Flucht fortzusetzen.

Die Bauersleute saßen mit Knechten und Mägden beim Essen, als die Stubentüre aufgestoßen wurde und die Türken hereinstürzten. Mit den wenigen deutschen Wörtern, die sie sich in der Gefangenschaft angeeignet hatten, war es ihnen nicht möglich, sich den Bauersleuten verständlich zu machen. Und obwohl Ibrahim bei seinem Eintritt die Hände flehentlich erhob und den Bauern zurief: “Nixi Turkos fürcht, nixi tut! Fort willen Türkei, suchen Hilfe!”, erschraken diese nicht wenig, sprangen erschrocken vom Tisch auf und suchten schleunigst zu entkommen. Während sich die hungrigen Türken voll Behagen über die restlichen Schmalznudeln hermachten, fanden sich die Bauern wieder zurecht. Sie verständigten die Nachbarsleute, bewaffneten sich mit Sensen, Mistgabeln und Dreschflegeln und rückten in geschlossener Reihe vorsichtig gegen die Türken vor.

Schnell verließen die Eindringlinge das Bauernhaus, gaben mit Händen und Blicken zu verstehen, dass sie ganz friedliche Gesellen seien, die herzlich froh wären, wenn man sie selbst in Ruhe ließe und erkannten bald, dass die geplante Flucht gründlich misslungen war. Wenn ihnen überall ein solcher Empfang bereitet würde, wäre es wohl das Gescheiteste, wieder zu den Kameraden zurückzukehren, was sie schließlich auch taten.

“Wie kann er sich unterstehen, davonzulaufen und noch ein Dutzend ähnlicher Halunken, wie er einer ist, mitzunehmen?”, fragte ihn der Korporal. Gab Ibrahim zur Antwort: “Kann nixi dafür, haben fort müssen! Hat türkischer Teufel mich verführt, hat ßu mir gesagt: Alle fortlaufen, sonst Christen werden müssen oder sterben müssen auf grausame Weise” Der Korporal aber fasste den Gesellen derb am Rock, schüttelte ihn und rief mit Donnerstimme: “Ibrahim, lasse er sich vom Türkenteufel nicht weiter anfechten, sonst soll ihn unser bayrischer Teufel stückweise holen! Verstanden, Erzspitzbube? Und nun marsch an die Arbeit!”

Der “Türkenteufel” übt bis heute auf viele Menschen noch immer eine beängstigende Wirkung aus, die sich auch im Zusammenleben mit der türkischen Bevölkerung bemerkbar macht.

Nacherzählt von Hans Lehrer