Vom Leben hinter Klostermauern

Ordensleute, die in frommer Abgeschiedenheit leben, weder Hast noch Unruhe kennen, erreichen oft ein biblisches Alter. So ist es keine Seltenheit, wenn der Bruder Gärtner auch mit 90 Jahren noch so gut beieinander ist und unermüdlich seine Rosen züchtet oder dass man der Schwester Oberin ihre 85 Jahre, die sie alt ist, überhaupt nicht anmerkt. Trotzdem wäre ein Leben hinter Klostermauern in Armut, Gehorsam und Keuschheit, wie es die strengen Regeln vorschreiben, nichts für mich. Und so wie ich, denken scheinbar viele; denn immer weniger Menschen fühlen sich für ein solches Leben berufen. Dabei hatten die Klöster über Jahrhunderte hinweg einen großen Zulauf.

Allein in München gab es im Jahr 1782 insgesamt 19 Klöster. In den 8 Mannsklöstern lebten 9 Obere, 184 Konventuale, 85 Laienbrüder und 6 Novizen; in den 11 Frauenklöstern 10 Oberinnen, 275 Konventualinnen, 88 Laienschwestern und 20 Novizinnen. Da gab es die Augustiner, barmherzigen Brüder, Franziskaner, Hieronymitaner, Kapuziner, Karmeliter, Paulaner und Theatiner. Ihnen zur Seite standen die Klöster der Clarissinnen, der Salesianerinnen, der Servitinnen, der Paulanerinnen, der Karmeliterinnen, der Elisabethinerinnen, das Püttrich- und das Ridler-Regelhaus, das Nonnenkloster auf dem Lilienberg, die englischen Fräulein und die Nonnen de Notre Dame. Die Anzahl der aufzunehmenden Mönche und Nonnen wurde vom kurfürstlichen geistlichen Rate bestimmt. Niemand durfte vor dem 22. Lebensjahr die ewigen Klostergelübde ablegen, und die Geldsumme, die jemand ins Kloster mitbrachte, war auf 2000 Gulden begrenzt.

Kirchen und Klöster standen zu allen Zeiten unter dem besonderen Schutz des Landesherrn. Oft kam so viel Ungebührliches zu Tage, dass Herzöge und Kurfürsten sich veranlasst sahen, da und dort mit aller Strenge einzuschreiten. So kam es immer wieder vor, dass Mönche aus ihrem Kloster vertrieben wurden oder sich freiwillig aus dem Staub machten. Im Kloster der Clarissinnen zum hl. Jakob auf dem Anger in München spielte sich vor über 250 Jahren eine hässliche Geschichte ab, die aktenmäßig verbürgt ist:

Im Jahre 1749 trat eine Wundarzttochter, Maria Baumann von Hornstein bei Scheyern, als Novizin in das Angerkloster ein, wo sie sich aufgrund ihrer Jugend und Schönheit zunächst der Gunst des Klosterbeichtvaters P. Olympius vom Orden des hl. Franziskus erfreuen durfte. Sie verscherzte sich aber diese Zuneigung durch ihre Sprödigkeit und wurde nun auf sein Anstiften hin vielfach verfolgt und misshandelt. Ein Versuch, die Eltern über ihre Lage aufzuklären, misslang, ebenso ein Fluchtversuch, da sie die Halmberger’schen Metzgerseheleute, die Nachbarn der Nonnen , wieder an diese auslieferten. Umsonst schritt der Weihbischof von Freising, Freiherr von Werdenstein, zu ihren Gunsten ein. Sobald dieser München wieder verlassen hatte, sorgte der Beichtvater dafür, dass die unglückliche Nonne zu lebenslänglicher Einkerkerung verurteilt wurde. Ihr Kerker bestand in einem kleinen finsteren Loch, ihr Lager aus etwas Stroh auf dem Erdboden. Ein zweiter Fluchtversuch misslang wie der erste, sie wurde noch im Kloster ergriffen. Ein im Kloster beschäftigter Schornsteinfeger hörte nach Jahren ihr Jammern und Wehklagen, erinnerte sich des Gerüchtes von der Flucht der Ordensschwester und erstattete Anzeige beim Stiftsdekan, der seinerseits dem kurfürstlichen Minister Mitteilung machte. Ein weltlicher und ein geistlicher Kommissär begaben sich mit einem Aktuar, einem Amtsdiener und dem Schornsteinfeger ins Kloster, fanden dort - freilich erst, als mit ernsteren Maßregeln gedroht worden - von der Äbtissin geführt die arme Ordensfrau mit den Lumpen ihres zerrissenen Ordenskleides angetan, auf faulem Stroh und ließen die Gelähmte auf einer Tragbahre an die Klosterpforte und von da in das Spital der Elisabethinerinnen bringen. Erst nach sechs Jahren gewann sie wieder so viel Kraft, dass sie gehen konnte. Ihre Haft hatte bis zum Juni 1769 gedauert.

Wen wundert es da überhaupt noch, wenn im Jahr 1802 die Säkularisation über Bayern hereinbrach. Über 100 Klöster wurden damals von der bayerischen Regierung eingezogen. Man rechtfertigte die gewalttätige Aneignung damit, dass männliche und weibliche Orden Aberglaube und Irrtümer im Volk verbreiteten, dem Staat schädlich und dem Bürger wegen des Bettelns der Mönche lästig seien. Letztendlich aber ging es darum, die leeren Staatskassen zu füllen. Äußerst gewissenlos und brutal wurde bei der Klosteraufhebung vorgegangen. Öffentlich und laut verhöhnten die Kommissäre die religiösen Gebräuche und spieen vor Christusbildern aus. Die Klosterfrauen, namentlich die Oberinnen, wurden von ihnen mit verletzendem Hohne und unzüchtigen Redensarten behandelt. Ein großer Teil der klösterlichen Besitzungen und Schätze ging zugrunde oder wurde billigst verschleudert.

Das bayerische Volk, welches mit den Klöstern seit tausend Jahren verwachsen war, geriet in höchsten Aufruhr, doch Max Josef verstand es, durch seine heitere Gemütlichkeit die aufgeregten Gemüter zu beruhigen.

Hans Lehrer