Weltuntergang

Aus päpstlichem Munde haben wir eindeutig die Empfehlung vernommen, dass das Ende der Welt mit Gelassenheit und Hoffnung zu erwarten sei. In unserer schnelllebigen Zeit, die geprägt ist durch fortschreitende Erkenntnisse in Wissenschaft und Technik, wäre es “ganz natürlich, über das Schicksal und das Ziel der Menschheit nachzudenken”, erklärte der Papst, der vielleicht mehr ahnt, als wir alle zusammen.

Schon das Jahr 1000 versetzte viele Menschen in Angst und Schrecken. Sie glaubten nämlich, dass mit dieser Jahreszahl das Ende der Welt endgültig gekommen sei. Auch in den darauffolgenden Jahrhunderten häuften sich die Zeitpunkte, die für den jüngsten Tag vorherbestimmt zu sein schienen. Astronomische Berechnungen spielten dabei eine wichtige Rolle. Oftmals brachte man den Weltuntergang mit dem Erscheinen eines Kometen in Zusammenhang. Schwarmgeister und religiös erregte Gemüter hatten immer wieder feste Daten genannt. Fielen Johannis und Fronleichnam zusammen, so sahen sie darin sofort das möglich Datum des Weltuntergangs. Zeitpunkt für den jüngsten Tag konnten auch Sonnen- und Mondfinsternisse sein, wenn Sonne und Mond miteinander kämpfen, um sich letztendlich gegenseitig zu besiegen. Dann, so heißt es, wird der Himmel durch einen Blitz zerrissen und es beginnt Steine, Feuer und brennendes Pech zu regnen. Stürme und Unwetter, Gewitter und Staubwirbel treten in Erscheinung. Unterirdische Feuer steigen auf, und die Vegetation, die vorher durchaus fruchtbar war, verbrennt. Vorausgehen werden unheilbare Seuchen. Die Pest kommt über Mensch und Vieh und weite Länder werden entvölkert. Eine verkehrte Natur lässt die Jahreszeiten ineinander fließen. Steine schwimmen auf dem Wasser, Wasser fließt bergauf, Meer und Ströme vertrocknen. Nah ist das Ende, wenn der Wald von Menschenhand gepflanzt werden muss, wenn die Hühner krähen und die Uhren 13 schlagen, Wagen ohne Pferde fahren und die Welt eisern wird. Zerrüttung des menschlichen Lebens, Aufruhr und Friedlosigkeit sind unübersehbare Merkmale. Ein Krieg aller gegen alle wird erfolgen, Fremdvölker fallen ein. Üppigkeit und Hoffart werden einreißen, was sich besonders in der Kleidung äußert. Spiel und Lustbarkeiten nehmen überhand. Noch ärger ist der sittliche Verfall. Die Bosheit nimmt zu, die Liebe erkaltet. Das Verbrechen ist keine Schande mehr. Ehre wird zur Schande, Wahrheit, Glaube und Treue sind geschwunden. Es herrschen Schlechtigkeit und Unzucht. Die Familie zerfällt und Ehebruch ist keine Sünde mehr. Es werden mehr uneheliche als eheliche Kinder geboren. Überhaupt nicht mehr gebärende Frauen aber sind seit alters ein Vorzeichen des Weltenendes. Man braucht gar nicht so weit zu gehen, um die mahnenden Worte und Weissagungen eines Sehers zu vernehmen.

Unüberhörbar sind die Prophezeiungen des “Mühlhiasl”, jenes geheimnisvollen ostbayerischen Hellsehers aus dem 18. Jahrhundert. Wie lauten doch ein paar seiner Sprüch‘? “Ihr lieben Leut‘, es wird eine Zeit kommen, da werden die Leut’ allerweil gescheiter und närrischer werden. Wenn ihr wüsstet, was euch, euren Kindern und Enkeln bevorsteht, ihr würdet in Schrecken vergehen. Den Herrgott werden sie von der Wand reißen und im Kasten einsperren. Die Mannsbilder werden sich tragen wie die Weiberleut’ und die Weiberleut’ wie die Mannsbilder, man wird sie nicht mehr auseinander kennen. Die Leut’ werden in der Luft fliegen wie die Vögel. Der Wald wird so licht werden wie des Bettelmanns Rock. Der Glaube wird so klein werden, dass man ihn unter einen Hut bringt. Die hohen Herrn machen Steuern aus, die keiner mehr zahlen wird. Es wird aber nicht lange dauern; denn wenn all das eingetroffen ist, dann kommt das große Abräumen. Aber es wird weitergehen, und was dann kommt, ist das Ende der Welt.”

Leute, wie der Mühlhiasl einer war, wollten keine Unheilsverkünder sein, eher Mahner und Warner, damit die Menschen aus dem tödlichen Irrtum herausfinden sollen.

Hans Lehrer