Werkunterricht

In der 8. Klasse bekamen wir jeden Montagnachmittag Werkunterricht, der für mich nur den einzigen Nutzen hatte, bald herauszufinden, dass ich weder Schreiner noch Schlosser oder technischer Zeichner werden wollte. Die Millimetertüftelei war mir zuwider, und all meine Mühe, einen rechten Winkel hinzubekommen, sei es mit dem Hobel oder mit der Feile, war meistens vergebens und scheiterte am mangelnden Talent. Das Zeichnen auf dem Reißbrett bereitete mir ebenfalls keine rechte Freude, obwohl ich mein erstes Werkstück, ein Schlüsselbrett, auf das ich besonders stolz bin, noch immer in Ehren halte, welches bei uns noch heute an der Wand hängt. Seine geschwungene Form musste aus dem Holz herausgesägt werden, um anschließend die Kanten und Oberflächen zunächst glatt zu hobeln und hernach mit Schmirgelpapier nachzuschleifen. Im gleichen Abstand wurden fünf Haken hineingeschraubt, und zum Schluss erhielt das Brett noch eine Lasur. Auf der Rückseite stand außer meinem Namen noch der Vermerk:

8. Klasse B
Mü. Nov. 1955

Die Note, die ich dafür bekam ist leider schon verwischt, aber ich glaube, dass es eine Drei war. Ich habe auch noch den Holzrost für die Blumentöpfe, den wir als nächstes in Angriff nahmen, nicht weggeworfen und erinnere mich, wie der Werklehrer, Herr Hausmann, immer sagte, dass man nicht “nudeln” soll. Ob sich das auf das Sägen oder Hobeln bezog, weiß ich bis heute nicht, obwohl ich ihn danach hätte fragen können, als ich ihn neulich, nach mehr als 45 Jahren, wieder sah und wir mehr durch Zufall bei einem Gespräch überrascht feststellten, dass wir uns von der Schule her kennen mussten.

Noch unbegabter stellte ich mich im Metallfach beim Herrn Kratzer an. Für einen Kerzenleuchter sollten wir einen Quader, der als Sockel diente, mit der großen Feile haargenau hinbekommen, ein Stück Rundeisen biegen und einen kleinen, gewölbten Blechteller oben draufsetzen. Da ich die Aufgabe hatte, jedes Mal am Ende des Unterrichts die einzelnen Teile des Werkstückes, die in einer Schublade verwahrt wurden, von allen Schülern einzusammeln, merkte es niemand, wenn ich mir das Recht herausnahm, meine Stücke heimlich im Hosensack verschwinden zu lassen, um sie daheim dem Schwager zu geben, der als Schaber bei der Firma Hurth arbeitete. Er nahm sie in die Arbeit mit und machte sie dort fertig, so dass ich beim nächsten Mal nur so tun musste, als würde ich tatsächlich daran arbeiten. Die “Nachhilfe” kam auch nie auf, und mir war, ganz im Vertrauen, viel damit geholfen.

Hans Lehrer