Helf Gott!

In der kalten Jahreszeit sind verschnupfte Nasen keine Seltenheit, und man muss öfters niesen als einem lieb ist. Alt und verbreitet ist dabei der Brauch, dem Niesenden einen Glückwunsch zuzurufen, namentlich Kindern. Die gewöhnliche Formel ist “Helf Gott!” Wer kein “Helfgott” bekommt, gehört dem Teufel, der andrerseits seine Macht über den verliert, dem das “Helfgott” zugerufen wird.

Zur Begründung des Brauches erzählt man, dass der Teufel ein großes Register über alle Menschen besitze; in dem er gelegentlich liest, und jedesmal, wenn er einen Namen ausspricht, muss der Betreffende “prusten”. Deshalb wünscht man ihm Glück. Einer Auslegung des Alten Testamentes zufolge soll ehemals der Mensch gleich nach dem Niesen gestorben sein. Erst auf Jakobs Bitte hat Gott das geändert; seitdem sei es üblich, dem Niesenden “Gesundheit!” zuzurufen. Gewöhnlich wird die Entstehung der Wunschformel auf Pestzeiten zurückgeführt. Man glaubte, die Krankheit habe sich zuerst durch heftiges Niesen geäußert, das nicht eher aufgehört habe, als bis der Tod eingetreten sei. Alle Menschen seien gestorben, denen man nicht das Helfgott zugerufen habe.

Niesen gilt als gefährlich. Wer niest, soll ein Kreuz über dem Mund machen oder beten. Das Unterdrücken ist aber nicht ratsam. Gegen zu vieles und zu starkes Niesen hilft Waschen der Hände mit warmem Wasser, Reiben der Fußsohlen und Handteller mit Bürste oder Flanell, Reiben der Augen und Ohren mit den Fingern. Auch wird empfohlen, einige Tropfen Anisöl in den Wirbel des Kopfes einzureiben. Im Altertum führte man gegen Niesen den Fingerring von der einen Hand auf die andere über; er hat die Krankheitsgeister festgehalten, und durch den Umtausch wurde man sie wieder los.

Ebenso häufig bringt das Niesen Glück. Wenn ein neugeborenes Kind vor der Taufe niesen muss, wird es klug. Es fallen ihm reiche Geschenke zu. Wenn ein Kranker niest, so wird er wieder gesund. Niest er zweimal hintereinander, könne er aus dem Hospital entlassen werden. Ein Schnupfen, bei dem man häufig niest, verläuft gut. Der Prophet Elias brachte den toten Sohn der Sunamitin durch seine Zauberkünste zum siebenmaligen Niesen und vertrieb dadurch den Krankheitsdämon.

In der Volksmedizin wirkt das Niesen ableitend und wird daher durch allerlei Mittel hervorgerufen. Wenn man niest, ist man in den nächsten 24 Stunden vor einem Schlaganfall sicher. Wiederholtes Niesen kann bedeuten, dass in der Familie bald etwas Außergewöhnliches geschehen werde. Das Niesen am Morgen in nüchternem Zustand ist besonders beachtenswert. Man bekommt etwas geschenkt, erfährt eine Neuigkeit, erhält einen Brief, Besuch oder gar Schelte. Wenn man am Morgen zweimal oder dreimal nacheinander nießen muss, bedeutet das Glück und Freude. Wer dreimal niest ist ein guter Christ, wird selig.

Einmaliges und dreimaliges Niesen bedeutet aber auch Unglück. Wer morgens beim Aufstehen niest, befürchtet einen Unfall. Niest man am Morgen früh, so bekommt man Schelte von der Frau vor Sonnenuntergang und ist man ledig, so bekommt man ein keifendes Weib. Niesen am Morgen - viel Unglück und Sorgen, Niesen am Abend beglückend und labend. Wer morgens nieset, fällt in Dreck, wer nachmittags nieset hat Glück. Wenn jemand in der Nacht niest, so hat er eine arme Seele erlöst. Wenn man am Sonntag nüchtern zweimal niest, bekommt man eine frohe Nachricht. Wer am Neujahrsmorgen niest, der stirbt in dem Jahr nicht. Wer am Neujahrsmorgen nüchtern niest, der stirbt binnen Jahresfrist. So ist das halt nun einmal im Leben, wenn es einem jeden selbst überlassen bleibt, sich das herauszusuchen, was für ihn am besten ist.

Die größte Wirkung aber erzeugt immer noch das Niespulver, das wir als Lausbuben heimlich verstreuten ... in der Schule, sogar in der Kirche oder in der Trambahn. So oft konnten wir gar nicht Helf Gott sagen, wie unser Herr Lehrer, der Herr Pfarrer oder die Fahrgäste niesen mussten. Unser schadenfrohes Gelächter jedoch verriet uns als Anstifter, und wir mussten für diese frevelhafte Tat oft mit einer Ohrfeige büßen.

Hans Lehrer