Der Münchner Schäfflertanz

“Und alle sieben Jahre
soll sich der Tanz erneu’n
und alle guten Münchner
die Kurzweil hoch erfreun ... “

So sprach einst in Dankbarkeit der Bayernherzog und meinte damit die Schäffler und ihren Tanz. Verewigt aber wurden diese Sätze in einem Gedicht von Franz von Pocci. Heuer ist es wieder so weit, dass die Schäffler auf Münchens Straßen und Plätzen tanzen, von Heilig Dreikönig bis Faschings Dienstag. Dabei denke ich zurück und zähle die Male, wie oft ich den Schäfflertanz in meinem Leben schon miterlebt habe und komme auf die Zahl neun. In dem Jahr, wo ich geboren bin, sollten die Schäffler tanzen, doch Deutschland befand sich im ärgsten Krieg und die Schäffler waren größtenteils an der Front. Im Jahr 1949 erlebte ich den Schäfflertanz um ersten Mal vor dem Wirtshaus Obermaier in Trudering. Der Wirt ließ es sich nicht nehmen, ein Jahr nach der Währungsreform die Schäffler einzuladen und zu bewirten. Es war ein schmuckes Bild, wie die Schäffler in ihren roten Jacken, schwarzen Kniehosen, weißen Strümpfen, dem grünen Barett auf dem Kopf, mit Buchs umwundenen Bögen in der Hand, ihre zierlichen verschlungenen Figuren tanzten und der gewandte Reifenschwinger, auf einem Fasse stehend, seine Kunststücke machte, indem er zwei Fassreifen, in deren Innenseite bis zu drei volle Schnapsgläser befestigt waren, von denen kein Tropfen verloren gehen durfte, mit ziemlicher Geschwindigkeit über dem Kopf schwang. Wir lachten jedes Mal, wenn einer der beiden Hanswurste auf das Gesicht eines Zuschauers einen schwarzen Strich mit der Schuhcreme malte und waren dabei besonders schadenfroh, wenn sie eine mit Lippenstift “angeschmierte Amischicksn” erwischten, wie die Frau Hering, die eingehängt bei ihrem Soldaten, ebenfalls dem Tanz zuschaute. Damals war ich fast sieben Jahre alt und in der ersten Klasse. Das nächste Mal tanzten die Schäffler, als ich in der achten Klasse war und bald aus der Schule kam. Wir hatten damals einen besonders kalten Februar und es stimmte genau, wenn beim Schäfflertanz gespielt wurde: Aber heit is koit, aber heit is koit, aber heit is sakramentisch koit ... “.

Mein Vater, anfangs noch Brauer beim Wagnerbräu in der Lilienstraße und später nach dem Krieg beim Pschorrbräu, hatte unter den Schäfflern viele Spezl, wie den Oswald Edi aus Lenggries. Er erzählte mir oft die Geschichte des Schäfflertanzes, der seinen Ursprung einer Pest verdankte, die in München geherrscht hat. Die aber habe ein Lindwurm über die Stadt gebracht, der sich in einem Ziehbrunnen an der Ecke der späteren Theatiner- und Schrannengasse niedergelassen habe. Darin konnte man ihn sehen, als man einen Spiegel darüber gehalten, um zu erforschen, woher die giftigen Dämpfe ihren Grund hätten, die daraus aufstiegen. Als der Drache im Spiegel sein Ebenbild gesehen, sei er darüber umgekommen und habe darauf die Pest hinterlassen. Und als gleichwohl aus Furcht vor der Krankheit noch immer Türen und Fenster geschlossen blieben, da hätten sich die Schäffler zusammengetan und seien tanzend und musizierend durch die Stadt gezogen, das Volk zu ermutigen. Der Brunnen aber habe seitdem der Spiegelbrunnen geheißen. Bis zum Jahr 1802 befand sich beim Schäfflertanz noch die “Gretel in der Butten”. Ein Gaudibursch wurde dabei von einem ausgestopften alten Weibe scheinbar in einer Butte auf dem Rücken getragen, während er es eigentlich war, der Butte und Weib trug. Dabei wurde gesungen:

“Gretel in der Butten
wie viel gibst den Oa
Um an Batzen achte
und um an Kreuzer zwoa

Und gibst du mir net mehra
als um an Kreuzer zwoa,
so ... i dir in d’Butten
und alle deine Oa.”

Dann bildeten die Sänger einen Kreis um den “Hansl”, der nach dem Takt der Musik abwechselnd zwei Bälle in die Höhe warf und sie wieder auffing, während die Musik die Weise spielte:

“Hansl geh furt
Gretl du aa,
Hansl kimm wieda,
Gretl du aa !”

Es ist schon fast wie ein Wunder, dass sich der Schäfflertanz, dieser uralte Brauch, bis zum heutigen Tage erhalten hat, obwohl dieses Handwerk nahezu ausgestorben ist. Seine Beliebtheit und Bekanntheit verdankt dieser Tanz auch dem Glockenspiel auf dem Rathausturm und der Tatsache, dass der Schäfflertanz nur alle sieben Jahre stattfindet, welches seine Einmaligkeit bewirkt und nicht zu einem Alltagspektakel wird.

Hans Lehrer