Wenn der Hahn kräht

Heute zählt Waldtrudering zu den noblen Gegenden Münchens. Das war nicht immer so. Früher, als die wenigsten motorisiert waren und sich im Wald Fuchs und Hase noch Gute Nacht sagten, zog niemand gern in dieses einsame Gebiet, nicht einmal geschenkt. Die wenigen Siedler, die sich dennoch dorthin verirrten, richteten sich mit einer Geiß, einer Schar von Hühnern und sonstigem Kleinviehzeug häuslich, ja geradezu landwirtschaftlich idyllisch ein. Dann kamen die Prominenten, die Neureichen, die Norddeutschen und bauten ihre protzigen Villen dorthin. Bald hatte es sich ausgekräht ... bis auf einen Hahn, dem vor kurzem ein Kläger, der vor zwei Jahren nach Waldtrudering gezogen war und dort ein Haus gemietet hatte, auf gerichtlichem Wege auch noch den Garaus machen wollte. Sein Nachbar hält auf seinem Grundstück zwanzig Hennen und einen Hahn. Dieser kam seinen natürlichen Aufgaben nach, unter anderem mit morgendlichem Krähen. DerWeckruf störte den Neu-Waldtruderinger, und er verklagte den Nachbarn. Entweder der Hahn kommt ganz weg oder er wird so untergebracht, dass er mit seinem Krähen nicht mehr die Nachbarschaft stört. Außerdem sollte bei Zuwiderhandlung ein Ordnungsgeld von bis zu 50 000 Euro festgesetzt werden. Sieger blieb der Hahn! Er kommt nicht in den Suppentopf oder in ein schalldichtes Gefängnis, sondern darf weiterkrähen, entschied die zuständige Zivilrichterin weise, wie einst König Salomon. Der Kläger hatte das Wohnhaus nämlich zu einem Zeitpunkt angemietet, als es den Hühnerhof daneben längst gab, und jede Hühnerhaltung bedarf - das ist auch gerichtsbekannt - selbstverständlich eines Hahns. Ich hoffe nur, dass dieses “gerechte” Urteil überall Schule macht und verstehe meinerseits überhaupt nicht, was manche Menschen gegen das Hahnenkrähen haben, diente doch der Hahnenschrei schon in alter Zeit als eine Art Nachtuhr, an der man sich orientierte; sein morgendlicher Weckruf kündete das Ende der dämonenerfüllten Nacht. Auch heute noch fliehen alle Unholde der Nacht, Teufel, Gespenster und Hexen vor dem ersten Hahnenschrei, der den lichten Morgen kündet, wie wir es bereits bei Shakespeare’s “Hamlet” lesen können. So wird der Hahn wegen seines Krähens zum unheilabwehrenden, segenbringenden Tier. Wenn “kein Hahn mehr nach jemandem krähen” kann, dann ist jede Hilfe aussichtslos. Nach der Art des Hahnenkrähens glaubte man das Wetter vorherbestimmen zu können; denn der Hahn ist ein Wetterprophet. Kräht der Hahn viel und lebhaft, dann gibt’s Regen, insbesondere wenn es abends geschieht oder vor Mitternacht. Schön Wetter gibt es, wenn er auf dem Zaun von oben kräht. Fliegt er beim Krähen hoch, so gibt es aber Regen. Hahnenkrähen im Winter vor 9 Uhr abends deutet auf Frost, am Silvesterabend zwischen 9 und 10 Uhr auf einen strengen Januar. Soviel Hahnenschreie man in der Weihnachtsnacht hört, so teuer wird im folgenden Jahr das Korn - ob das auch auf das Benzin zutrifft? Auffälliges Krähen bedeutet schlechtes Wetter; denn auch das schlechte Wetter ist das Werk einer bösen Macht, vor welcher der Hahn warnt.

Aber auch sonst zeigt das Krähen des Hahns fast nur Unheil an. Kräht der Hahn nachmittags, so wird es Krieg geben, fragt sich nur zwischen wem. Tut er es um Mitternacht, dann geschieht im Hause eine Untat; auch ungewöhnlich frühes Krähen bedeutet nichts Gutes. Häufig sagt der Hahn auch Feuer voraus, so wenn er mitten im Hof kräht und dreimal mit seinen Flügeln schlägt. Ruft der Hahn vor dem Fenster oder sieht er zum Fenster herein, dann kommt Besuch. Krähen am Hochzeitstag die Hähne bei Aufgang der Sonne, dann wird die Ehe mit Kindern gesegnet. Mit diesen Beispielen möchte ich deutlich machen, wie wichtig das Krähen des Hahnes sein kann.

Um aber nochmals auf den streitsüchtigen Nachbarn in Waldtrudering zurückzukommen. Menschen, die wie er das Krähen des Hahns nicht ertragen können, stehen im Verdacht, mit dem Teufel im Bunde zu sein, nachzulesen in “Wallensteins Lager” von Friedrich Schiller.

Hans Lehrer