Heimweh nach der Heimat

Vor einem Jahr starb mein Cousin hoch betagt in Venezuela. Anfang der fünfziger Jahre war er dorthin ausgewandert, in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Das hatte er sicher dort drüben. Mehr noch aber plagte ihn in späteren Jahren das Heimweh nach seiner bayerischen Heimat, und so lange er noch einigermaßen gesund war, verbrachte er die Sommermonate mit seiner Frau, die er 1956 geheiratet und mit hinüber genommen hatte, in seinem “Viertel”, in seiner Stadt, zusammen mit Freunden und Verwandten. Ein letztes Mal hat er jetzt im Handgepäck seiner Frau den Atlantik überquert, damit seine Asche, ein Jahr nach seinem Tod, in heimatlicher Erde Frieden finden möge, im Familiengrab auf dem Münchner Ostfriedhof.

Obwohl ihm die neue Welt zunächst mehr geboten hatte als die zurückgelassene Stätte seiner Kindheit und Jugend und dort leichter Arbeit und ein besseres Auskommen fand, sehnte er sich dennoch nach dem Leben daheim zurück, nach der Kargheit und Enge. Er hing an der Heimat mit einer tiefen, unbewussten Liebe. Sie war ihm der selbstverständliche Hintergrund für sein Leben und Wirken.

Heimweh, die Sehnsucht nach der Heimat, befällt Kinder genauso wie junge und alte Leute, die von zu Hause fort sind. Wer das Haus für immer verlässt, dem wird geraten, dass er rücklings die Türe zumacht, vor allem aber darf er sich nicht nach dem Elternhaus umsehen, noch weniger dahin zurückkehren, wenn er einmal Abschied genommen hat und also unterwegs ist. Wer das nicht beachtet, wird in der Fremde Unglück haben. Brot, Salz und Erde, hauptsächlich aber Brot, sollte der von zu Hause Scheidende eingewickelt bei sich tragen, das ihn gegen Heimweh schützt. Man konnte diese Dinge dem Scheidenden heimlich mitgeben, er durfte auch um sie wissen, konnte das Brot in der Truhe verwahren, konnte es einfach in der Fremde essen. Stets aber sollte der Gedanke wirksam sein, dass den Wandernden ein Stück Heimat begleite und um ihn sei.

Heimweh geht aus dem ungebrochenen Heimatgefühl hervor, das in einer Ackerbau treibenden Bevölkerung am stärksten zu finden ist und sich auf einen kleinen Raum erstreckt, in dem der Lebensberuf bereits feststeht und das Lebensziel gesteckt ist. Wie schwer muss es daher für die Fremdarbeiter Anfang der sechziger Jahre gewesen sein, sich in den neuen Verhältnissen bei uns zurechtzufinden, sich einzuleben. Aber der Versuch schlug leider oft fehl, weil die Tätigkeit in dem fremden Land ihrer Lebensweise, ihren Anlagen und Fähigkeiten nicht entsprach. Gemütskrankheiten und Nervenabzehrungen waren die Folge. Der Jammer nach Hause findet sich in allen Ständen und Berufen, bei Mädchen und Frauen mehr als bei Männern und Jünglingen, weil die Frau mehr am Hause hängt als der Mann. Selbst die Soldaten werden im Krieg vom Heimweh ergriffen, zwar nicht so lange, als sie siegen, aber in der Niederlage.

Noch ergreifender aber ist das Schicksal jener Auswanderer, die im 19. Jahrhundert ihre bayerische Heimat verließen, und in ferne Länder ausgewandert sind. Kaum einer von ihnen sah jemals seine Heimat, seine Eltern und Geschwister wieder und wurde in fremder Erde begraben. Besorgniserregend ist eine UN-Studie, derzufolge heute 191 Millionen Menschen auf der Welt außerhalb ihrer Heimat leben, mehr als jemals zuvor und 12,7 Millionen davon im vergangenen Jahr auf der Flucht waren.

Hans Lehrer