In die Hände spucken

Fast könnte man meinen, dass es sich bei dem nachfolgenden Thema um eine unappetitliche Angelegenheit handelt. Aber das Anspucken und Ausspucken sind zwei Eigenschaften, die im Leben vieler Menschen eine wichtige Rolle spielen. Mit dem Anspucken will man irgendjemanden oder irgendetwas abwehren oder vertreiben. Durch das Ausspucken soll etwas Schädliches, das sich im Munde oder im Körper befindet, ausgeschieden werden. Man ist von der heilenden Zauberkraft des Speichels, der schon im antiken Aberglauben eine große Rolle spielte, allgemein überzeugt. Um Unheil abzuwehren wird häufig ein dreimaliges Spucken vorgeschrieben, und nur so ist es auch zu erklären, dass ich seit meiner Kindheit beim Anblick eines Leichenwagens instinktiv dreimal ausspucke, bevor ich der armen Seele ein Gebet auf ihrem letzten Weg nachschicke. Ausspucken verjagt den Teufel wobei unser “Pfui Teufel” mit Recht auf ein ursprüngliches Ausspucken zurückzuführen ist. Das Ausspucken bei Erwähnung verhasster Personen ist wahrscheinlich anders zu beurteilen und als Geste des Abscheus zu werten.

Das übelabwehrende Spucken wird nicht nur angewandt, wenn eine Bedrohung unmittelbar gegeben ist, sondern auch dann, wenn eine solche erwartet wird. Wenn man einen Menschen, namentlich ein Kind, oder einen Gegenstand lobt, so wird der Neid der bösen Geister erregt, die das Gelobte zu schädigen trachten. Um sie abzuwehren, spuckt man dreimal schnell aus. In vielen Fällen wird ausgespuckt oder werden Dinge angespuckt, allein schon auf den Verdacht hin, dass Unheil oder böse Geister zur Stelle sind oder an Dingen haften. So war es schon altgermanischer Brauch, sich nicht auf die Erde zu legen, aus einem Fluss oder See zu trinken oder nicht über ein Wasser zu fahren, ohne auszuspucken.

Das Spucken dient sowohl dem Zweck, ein drohendes Unheil fernzuhalten, als auch ein bereits eingetretenes zu vertreiben. Schon die mittelalterliche Kirche ordnete an, in Fällen von Besessenheit dem Kranken in den offenen Mund zu spucken. Wenn man eine fertige Arbeit beendet, kann das Anspucken sogar eine glücksbringende Bedeutung haben, ja sogar eine Art Weihung sein. Noch heute spucken sich die Leute in die Hände, wenn sie fechten oder eine schwere körperliche Arbeit verrichten, vor allem vor dem Heben einer schweren Last. “Das bringt Kräfte” sagen sie. Besonders verbreitet aber ist das Anspucken des zuerst eingenommenen Geldes, was den Zweck hat, weitere Einnahmen zu garantieren. Spuckt man aber auf ein Los, so erhöhen sich die Chancen zu gewinnen, ganz erheblich.

Schließlich bleiben mir aus meiner Kindheit die mahnenden Worte meiner Mutter stets in Erinnerung, dass nur der Judas die Leute anspuckt und mir eine solche häßliche Untugend ein für allemal untersagt wurde.

Hans Lehrer