Salz und Brot


Bild: Andrea Pollak
Ähnlich wie das Brot ist auch das Salz eine dem Himmel entsprungene, göttliche und darum heilige Gabe. Orientalen und Juden verwendeten das Salz zu Reinigungsopfern. Das Christentum übernahm diesen Brauch, benutzte ihn später bei der Taufe der Kinder und verlieh ihm eine christliche Deutung.

Unendlich vielseitig und tief greifend sind die Beziehungen des Salzes für das menschliche Leben. Der Glaube an seine Heiligkeit und Kraft durchzieht alle Lebensgebiete. Salz galt als ein Heilmittel gegen angezauberte Krankheiten und wird auch heute noch auf die Brezen gestreut, die es früher vor allem in der Fastenzeit gab.

Je weiter die Zivilisation gedieh, um so unentbehrlicher wurde der tägliche Genuss des Salzes. In einem Grimmschen Märchen spiegelt sich die große Wertschätzung des Salzes wieder, als der Vater seine drei Töchter auf die Probe stellend fragte, wie sehr sie ihn liebten und die jüngste darauf antwortet: “Die beste Speise schmeckt mir nicht ohne Salz, darum habe ich den Vater so lieb wie Salz”.

Unter den Mineralien wird allenthalben das Salz als Schutzmittel gegen böse Mächte genannt und mannigfaltig gegen sie verwendet. Mit Salz schützt man sich gegen Teufel und Hexen. Diesen ist Salz so verhasst, dass bei den teuflischen Gelagen und in der Hexenküche das würzende Salz fehlt. In Böhmen und Süddeutschland schützt man sich gegen den bösen Blick, wenn man Salz in die Kleider steckt. Das am Vorabend von Epiphanias oder am Dreikönigstag geweihte Salz gilt als Mittel gegen jede Bezauberung. Die schützende und Segen spendende Kraft des Salzes begleitet den Menschen auf seinem Lebensweg. Nach katholischem Ritus wird dem Kind bei der Taufe das “symbolische Salz der Weisheit” in den Mund gelegt. Die kirchliche Weihe des Salzes führte wohl vor allem zu der Warnung, es nicht umzuschütten, unnütz zu zerstreuen, damit zu spielen oder gar mit den Füßen zu zertreten; denn das ist Sünde und zieht Strafe nach sich. Allgemein wird geglaubt, dass Salz verschütten Ärger und Verdruss, Zank und Streit nach sich zieht. Am Hochzeitstage verschüttetes Salz gibt eine unfriedliche Ehe; wird häufig Salz im Zimmer verschüttet, so sagt man, die Hausleute leben nicht friedlich. Großes Unglück bedeutet diese Ungeschicklichkeit am Silvesterabend; geschieht es am heiligen Abend, so kommt eine Trauerkunde ins Haus. Wer aus Versehen Salz verschüttet, verschüttet sein künftiges Glück. “Jedes Körnchen kostet eine Träne”. Ausgeliehenes Salz bringt Streit ins Haus. Der Segen des Hauses verschwindet, wenn am Montag Salz verborgt oder verschenkt wird, ohne Gegengabe zu erhalten.

Salz und Brot mit jemandem zu essen bedeutet nicht nur, die wichtigsten Bestandteile der Nahrung sondern das tägliche Leben gastlich mit ihm zu teilen und die festeste, trauliche Verbindung mit ihm aufzunehmen. So wurden Brot und Salz und wohl auch Salz allein der Prüfstein für Freundschaft und Treue. Denn das Salz war nicht nur seit den ältesten Zeiten ein notwendiges Lebensbedürfnis der Menschheit, sondern galt auch als Sinnbild der Ewigkeit und Beständigkeit. Als unvergängliches Gut schützte es vor Fäulnis und Verwesung.

Nur in einem Fall war ich von der Kraft und dem Zauber des Salzes nicht so recht überzeugt, als ich mir ein Brüderlein wünschte und vergeblich eine Schale voll Salz heimlich auf das Fensterbrett gestellt hatte.

Hans Lehrer