Wallfahrten

Wallfahrten zählen zu den ältesten spirituellen Übungen der Menschen auf der Suche nach Gott und zu sich selbst. Die Buddhisten erklimmen heilige Berge, Muslime fahren nach Mekka. Die christliche Wallfahrt aber entwickelte sich im frühen Mittelalter aus dem Märtyrerkult, indem man die Grabstätte eines Blutzeugen zuerst am Todestag, allmählich aber auch in allerlei Anliegen aufsuchte. Am berühmtesten waren in früher Zeit wohl die Gräber der Apostelfürsten und das Hl. Land. Für jene, die nicht so weit reisen konnten, gab es unzählige kleinere Wallfahrtsorte, welche im Besitz irgend einer wundertätigen Reliquie oder eines Marienbildes waren.

Für Wallfahrten kann es viele Anlässe geben: eine auferlegte Buße, ein leibliches oder seelisches Anliegen, ein Versprechen oder auch Dankbarkeit für verliehene Hilfe. Im Mittelalter empfingen die Pilger vor der Abreise eine Benediction; wer einen Pilger bedrohte, verfiel dem Banne. Als Wallfahrtszeit ist besonders der Mai und die Pfingstzeit beliebt. Wallfahrten nach weniger weit entfernten Orten werden meist von einer größeren Gruppe unter Führung eines Priesters unternommen. Dabei werden besondere Wallfahrtslieder gesungen. Besonders zu erwähnen sind die Wallfahrtsritte. Manche Wallfahrten geschehen bei Nacht. Zur Buße gehen die Teilnehmer oft barfuss oder tun sich Erbsen in die Schuhe, beladen sich mit Holzkreuzen und Ketten oder rutschen sogar auf den Knien. Am Wallfahrtsort muss in einigen Fällen das Heiligtum umgangen werden. Das Versprechen einer Wallfahrt pflegt sehr ernst genommen zu werden. Solche, die ihr Gelübde nicht erfüllen, müssen dem Volksglauben nach als Kröten die Wallfahrt durchführen, wenn sie gestorben sind. Die Wallfahrer bringen von ihrer Fahrt gewöhnlich einen Kram mit. Besondere Wichtigkeit besaßen die Erkennungsmarken, die man am betreffenden Ort bekam: für Rom zwei gekreuzte Schlüssel, für S. Jago eine Muschel, für Palästina Palmzweige, Jerichorosen, Samen von Ölbäumen aus Gethsemane oder Wasser vom Jordan. Gewöhnliche Mitbringsel sind verschiedenartige Nachbildungen des “Gnadenbildes”, die man Kindern in die Windeln steckt, Soldaten in den Krieg mitgibt oder sonst als segenskräftiges Mittel verwendet. Beliebt sind auch Rosenkränze, Kreuze, Ringe, daneben Genussmittel und Leckereien.

Wallfahrtsorte, die durch eine Marienerscheinung oder durch ein Wunder Berühmtheit erlangten, prägten meinen kindlichen Glauben und sind für mich auch heute noch Plätze, wie z.B. Lourdes oder Fatima, die sich zwischen Himmel und Erde befinden. Bereits in jungen Jahren nahm ich an der Stadtwallfahrt zu Fuß von Pasing nach Maria Eich teil und spürte schon damals, wie das Gleichmaß der Schritte den Geist beruhigt und man genug Gelegenheit hat, sich und andere zu beobachten. Über viele Monate hinweg sandte ich jeden Tag “Innige Gebetsgrüße zur himmlischen Gnadenmutter Maria!” nach Altötting und konnte mit dem Gebet “Gedenke, o gütigste Jungfrau Maria.” jedes Mal 300 Tage Ablass gewinnen. Meine Tante, obwohl evangelisch, hatte mir diesen Gebetszettel aus Altötting, wo sie eine gute Freundin von früher besuchen wollte, mitgebracht, um mir eine Freude zu machen. Diesen engen Bezug zur Muttergottes habe ich nie ganz verloren, obwohl mir mit zunehmendem Alter der Glaube oder die Vorstellungskraft an ein ganz bestimmtes Jenseits immer schwerer fallen. Vielleicht hilft mir der bekannte Komiker Hape Kerkeling weiter, der mit seinem Reisebericht “Jakobsweg” die Frage nach der Existenz Gottes auf seinem 800 km langen Fußmarsch für sich neu zu klären suchte und diesen Weg nicht vergebens zurücklegte.

Hans Lehrer