Meine Familie im 3. Reich

Aus den Erzählungen meiner Mutter weiß ich, wie sich meine Familie im 3. Reich verhalten hat. Ich selbst wurde ja erst 1942 geboren und kann mich außer unseren Besuchen im Luftschutzkeller an keine konkreten Ereignisse erinnern.

Meine Eltern waren weder Antisemiten noch Nazis. Deshalb bin ich sehr froh, dass sie sich von diesem Rattenfänger Adolf Hitler nicht verführen ließen. Als mein Großvater Paul Trinkl zur Wahl ging, wurde ihm gleich der Wahlzettel aus der Hand gerissen und jemand machte für ihn bei “Adolf Hitler” ein Kreuz. Kopfschüttelnd und enttäuscht kam Großvater heim und sagte, dass er nicht mehr zur Wahl gehen brauche.

Der älteste Bruder meines Vaters, Onkel Philipp, ließ sich in der Wirtschaft zu dem Spruch hinreißen, dass ihm die Monarchie lieber wäre als der Hitler. Der Anruf eines Verräters genügte, und mein Onkel wurde von der Gestapo im Wittelsbacher Palais drei Monate lang inhaftiert. Nach dem Krieg berichtete er nie über seine Erlebnisse. Er schwieg einfach. In eine kritische Situation geriet mein Vater, als er in betrunkenem Zustand einem HJ-Jungen vor unserem Haus eine Ohrfeige verabreichte. Eine Horde der Hitlerjugend versammelte sich vor unserem Haus und forderte die Herausgabe Vaters. Dieser verkroch sich unter das Sofa. Mein Großvater versuchte die Menge zu beruhigen, und in ihrer Not benachrichtigte Mutter den Andreas Empl, einen einflussreichen Bauern und Schulkameraden des Vaters, so dass das Schlimmste verhindert werden konnte und Vater nicht nach Dachau musste.

Neben uns in Trudering wohnte damals der größte Edelnazi Florian Schweitzer. Er war Blutordensträger, weil er beim Marsch auf die Feldherrnhalle, den Hitler angezettelt hatte, mit dabei gewesen sein soll. Er litt im 3. Reich keinen Mangel und hatte alle Vorteile. Er bekam reichlich von der Beute ab, welche die Nazis im Krieg machten. Sein Sohn wurde nicht eingezogen. Für meine Mutter bedeutete er eine Gefahr, weil sie sich nicht einschüchtern ließ. Nach dem Krieg hat er sich aus dem Staub gemacht und wurde nicht zur Verantwortung herangezogen.

Gefährlich war auch, was meine Mutter tat. Sie stand in der Metzgerei Obermaier und sagte zu Frau Obermaier: “Ich möchte auch ein Stück von diesem schönen Fleisch, auch wenn ich nicht so schön Heil Hitler sagen kann, wie die Frau Kunig!” Damit brachte sie Frau Obermaier in eine prekäre Situation. Als Mutter Herrn Kunig unkluger weise als schlechten Architekten bezeichnete, bemerkte später unsere Nachbarin, deren Haus Herr Kunig gebaut hatte, dass sie meine Mutter wegen dieses Ausspruchs auch nach Dachau hätte bringen können. Einmal durfte meine Schwester auf einer Feier beim Obermaier Flöte spielen. Ihre Lehrerin Frau Heiß hatte das arrangiert. Mutter wollte sie gerne hören. Als sie jedoch den Saal betrat, und alle die Nazigrößen von Trudering dort sah, machte sofort wieder kehrt.

Meine Mutter gewann das Vertrauen von Frau Scherzl, deren Mann an der Ostfront eingesetzt war und seiner Frau von den Greueltaten erzählte, welche die Nazis an den Juden verübten. Sie mussten sich nackt in einer Reihe an den Gräben aufstellen und wurden erschossen, so dass ihre Leichen in die Gräben fielen. Frau Scherzl konnte meiner Mutter vertrauen und war froh, dass sie jemand hatte, mit dem sie über das Furchtbare sprechen konnte. Mutter wusste genau, was für eine schlimme Diktatur die Nazis ausübten und lehnte den Nationalsozialismus in jeder Beziehung ab. Sie wollte ihre Kinder auch nicht in das KLV (Kinderlandverschickungslager) schicken, weil sie Angst hatte, ihre Kinder nach dem Krieg nicht mehr zu finden.

Heimlich horchte sie den “Feindsender”, in dem General Eisenhauer sagte, dass sich die Deutschen in einem rasenden Schnellzug befänden, der sich dem Abgrund nähere. Gegen das Hörfunkprogramm der Nazis, das vor allem der Propaganda diente, hörte ich von Mutter nichts Gegenteiliges sagen. Ihr gefiel das Unterhaltungsprogramm. Gespalten war ihre Sympathie für die KZ-Insassen. Nach dem Krieg hatte sie Angst, dass sie die KZ’ler ausrauben würden. Vater war total unparteiisch. Auch seine Geschwister waren keine Verehrer von Adolf Hitler.

Lediglich die jüngste Schwester meiner Mutter drohte ihr, sie bei der Frauenschaft hinzuhängen, wenn sie ihr nicht die Babywäsche für ihre Tochter gäbe. Ihr Bruder war Militarist und brachte es im 2. Weltkrieg bis zum Hauptmann.

Jedes Jahr wurde in der Kirche die Passionsgeschichte vorgelesen, in der die Juden als Mörder Jesu bezeichnet werden. Ich gebe auch der Kirche die Schuld, dass sie mit dieser Theorie den Antisemitismus im Volk, vor allem bei den Katholiken, geschürt hat.

Schon bald begann ich mich mit den furchtbaren Ereignissen im 3. Reich auseinanderzusetzen. Ich wurde 1942 geboren, als Tausende von Soldaten in Stalingrad ihr Leben lassen mussten und die Krematorien von Ausschwitz Tag und Nach brannten, als Deutschland zur Trümmerlandschaft wurde und unsägliches Leid über die Menschen kam.

Als junger Deutscher bekannte ich mich zur Kollektivscham und war froh, mit 20 Jahren als Absolvent der Städt. Abendmittelschule an einer Reise nach Israel, die vom Schulreferat für 30 Schüler und 5 Lehrer organisiert wurde, teilnehmen zu dürfen. Wir arbeiteten zwei Wochen im Kibbuz Nir-Am Seite an Seite mit den jungen Israelis und fuhren eine Woche durch das Land, um die herrliche Aufbauarbeit kennen zu lernen. Allerdings wussten wir damals sehr wenig über das Leid der Palästinenser, deren Schicksal ich aber hautnah kennen lernte, als ich ein Jahr später auf dem Landweg noch einmal über die Türkei, Syrien und Jordanien nach Israel fuhr. Ich besuchte die Flüchtlingslager der Palästinenser in Jericho und Nablus und war erschüttert über das große Elend dieser Menschen, die ihr Land deshalb verloren hatten, weil in Deutschland ein Adolf Hitler den Juden das Recht auf Leben absprach und sie verzweifelt nach einer neuen Heimat gesucht hatten.

Ich bin gegen jegliche Gewalt und für die Freiheit der Menschen. Ich bin Pazifist und unterstütze Randgruppen, die von der Gesellschaft missachtet und gedemütigt werden. Ich halte von der Gesellschaft, von der Kirche und vom Staat nicht viel und lasse mich nicht bevormunden und in das Schema eines “wohlgefälligen Menschen” pressen. Das egoistische Streben, die Arroganz und die Falschheit, die Herzlosigkeit und Gleichgültigkeit sind mir zuwider.

Ich verehre meine Vorfahren, soweit sie geradlinige, einfache Menschen waren und sich von keinen großmauligen Scharlatanen verführen ließen.

Hans Lehrer