Der Sandmann

“Jetzt schaust aber, dass du in dein Bett kommst“, rief die Mutter ungeduldig. “Gleich wird der Sandmann zu den müden Kindern kommen.” Längst schon hatte ich mir die Augen gerieben, als wäre Sand hineingekommen. Das lag aber wohl eher daran, dass bei eintretender Müdigkeit die Augen trocken werden und in den Augenrändern sich kleine trockene Körperchen bilden, die fürs Gefühl kleinen Sandkörnern gleichen. Am liebsten hätte ich ja in der Küche zwischen dem Herd und dem Fenster geschlafen und nicht im dunklen, kalten Schlafzimmer der Eltern, noch dazu allein und verlassen, gleich neben der Tür, durch die leicht ein Einbrecher hätte kommen können. Erst vergewisserte ich mich, dass sich niemand unter dem Bett versteckt hatte und schlupfte dann schnell unter die Decke, die Mutter im Winter mit einem heißen Ziegelstein, der mit Zeitungspapier eingewickelt war, vorgewärmt hatte. Bevor ich aber einschlief betete sie mit mir das Abendgebet. Jeder betete abwechselnd einen Satz ... “Bevor ich mich zur Ruh begeb” fing ich an, “zu dir o Gott mein Herz ich heb’ fuhr meine Mutter fort. Das Gebet endete mit dem Satz: “In deine Wunden schließ’ mich ein, dann schlaf’ ich sicher, keusch und rein. Amen!” Dann schaltete sie das Licht aus. Doch es wurde nicht ganz dunkel im Zimmer. Der Schein der Straßenlaterne tauchte die Zimmerdecke in ein schimmerndes Licht. Ich vernahm Stimmen aus der Küche, konnte aber zu meinem Leidwesen nicht hören, was gesprochen wurde. Ab und zu fuhr ein Auto vorbei; denn unsere Fenster schauten auf die Truderinger Straße, auf der ganz früher die Salzfuhrwerke nach München fuhren. Ich hörte noch, wie der Regulator achtmal schlug, dann schlummerte ich ein, friedlich und ohne Sorgen.

Ein paar Jahre später, als ich elf geworden war und wegen einer Blinddarmoperation ins Krankenhaus rechts der Isar kam, saß niemand mehr an meinem Bett, der mit mir das Abendgebet gesprochen hätte. Trotzdem fühlte ich mich nicht einsam. Denn am Abend öffnete eine Barmherzige Schwester, die mit den großen Flügelhauben, sämtliche Türen der Schlafsäle und stellte sich auf den Gang. Dann begann sie mit lauter Stimme das Abendgebet zu sprechen: “Bevor ich mich zur Ruh’ begeb” ... Das gefiel mir, und ich machte am nächsten Tag Schwester Guntharda den Vorschlag, mir das Abendgebet sprechen zu lassen, da ich es auswendig könne. Sie hatte nichts dagegen und war scheinbar sogar froh darüber, und so betete ich jeden Tag, solange ich im Krankenhaus war, mit meiner kindlichen Stimme das Abendgebet, so wie ich es von Mutter gelernt hatte, langsam und deutlich. Darüber freuten sich die Kranken und waren gerührt. Und ich rieb mir verstohlen die Augen, weil der Sandmann auch ins Krankenhaus gekommen war.

Im Alter habe ich vor dem Einschlafen viel Zeit zum Nachdenken, dabei lässt mir der letzte Satz des Abendgebetes, das ich nicht verlernt habe, keine rechte Ruhe. Vielleicht lässt sich der Sandmann deshalb nicht mehr so oft bei mir blicken.

Hans Lehrer