Schulaufsätze

Deutschland, ein unteilbarer Kulturkreis

Deutschland wurde nach dem Zusammenbruch am Ende des zweiten Weltkrieges in acht Teile zerrissen. Während aus der amerikanischen, englischen und französischen Besatzungszone die westdeutsche Bundesrepublik mit Westberlin hervorging, entwickelte sich die von den Russen besetzte Ostzone immer stärker zu einem Sondergebiet, in dem Moskau langsam die kommunistische Staatsform durchdrückte.

Heute bildet die Grenze zwischen Ost- und Westdeutschland eine große Trennungsmauer für beide Teile des auseinander gerissenen Volkes. Die sowjetzonalen Machthaber sind streng darauf bedacht, die Bevölkerung der Ostzone von den westdeutschen Einwohnern zu isolieren. Diesen Menschen ihre kommunistischen Ideale aufzuzwingen und sie zu möglichst zuverlässigen Bürgern des kommunistischen Staates zu machen. Das gesamte Erziehungs- und Schulwesen wird von den SED-Machthabern überwacht und geleitet. In einer Ausgabe der sowjetzonalen Zeitschrift “Pädagogik” konnte man lesen: “Die Schule hat die Aufgabe, der Jugend den Kommunismus näher zu bringen”. Man beschränkt sich jedoch dabei nicht nur auf das Schulwesen, auch die Kunst, die Literatur, das Theater, der Film und der Rundfunk dienen immer mehr dazu, die kommunistische Machtpolitik beim Volk durchzusetzen. Man will den alten Kulturkreis, der noch ganz Deutschland umschließt, mit aller Kraft sprengen.

In vielen Teilen unseres Lande stellt man sich die Frage, ob die östlichen Machthaber dieses Ziel verwirklichen können, ob ihre Mittel dazu ausreichen diesen Teil des deutschen Volkes für ihre Politik zu gewinnen.

Ich glaube nicht daran, daß das freie Deutschland einmal am “Eisernen Vorhang” seine endgültige Grenze ziehen muß; denn diese beiden Landesteile Ost und West sind in ihrer Geschichte viel zu sehr ineinander verzahnt, als daß man sie für immer trennen könnte. Seit jeher verbindet sie die gleiche Geschichte, die gleiche Denkungsart. Verfolgen wir doch die einzelnen Jahrhunderte zurück bis zur Einigung der germanischen Stämme durch Karl den Großen. Die Wirkungsstätten Luthers befanden sich in der heutigen Ostzone. Deutsche Baukunst, von der Romanik bis zum modernen Stil, erstreckte sich über den gesamtdeutschen Raum. Wenn wir einen Atlas aufschlagen, der die heutige Ostzone zeigt, so können wir nicht glauben, dass Leipzig die Stadt der Völkerschlacht, Weimar die Stadt in der Schiller und Goethe lebten, Magdeburg, Erfurt und Potsdam aus dem deutschen Kulturkreis ausgeklammert sein sollen. Viele bedeutende Kunstschätze, Schlösser, Burgen und Kirchen, die sich heute in der Ostzone befinden, sind eng mit der deutschen Geschichte verknüpft. Und wie viele große Künstler und Gelehrte, welche die deutsche Kultur pflegten und fortpflanzten, waren im östlichen Teil des deutschen Raumes beheimatet. Doch verbindet diese Bevölkerung beiderseits der Elbe nicht nur eine gemeinsame geschichtliche Vergangenheit. Sie haben alle die gleichen Charaktereigenschaften, dieselben Wesenszüge. Sie halten noch immer an einer gemeinsamen Religion fest, lieben die gleiche Musik, und pflegen die deutsche Dichtung als Gemeingut. Auch das althergebrachte Brauchtum wird in beiden Teilen des Lande hoch in Ehren gehalten. Bei den Olympischen Spielen gibt es nur eine gesamtdeutsche Mannschaft und für kurze Zeit vergißt man, daß Deutschland in zwei Hälften getrennt ist. Viele Leute leben von ihren Angehörigen getrennt und können nur durch Briefwechsel ihre Gedanken austauschen. Vielen ist auch die Möglichkeit genommen, Gräber aufzusuchen. Doch hoffen alle diese Menschen auf eine Wiedervereinigung. Sie schenken gewiss keiner kommunistischen Propaganda irgendwelche Beachtung und sind nur von dem einen Gedanken beseelt, zur Beseitigung der trennenden Grenzmauer beizutragen. Solange es solche Menschen noch gibt, ist die derzeitige Lage Deutschlands nicht hoffnungslos.

Wenn auch der deutsche Raum heute noch zwei geteilt ist, so bildet sein Volk doch immer eine Einheit; denn in allen Adern fließt deutsches Blut und jeder liebt sein Heimatland.

Hans Lehrer
(Aufsatz in der städtischen Abendmittelschule 1961)


Lehrer,Hans
Städtische Abendmittelschule
München, 16. Oktober 1960

Bildbeschreibung
Ein Besuch
(von Carl Spitzweg)

Gliederung:

  1. Einleitung: Karl Spitzweg und sein Malstil
  2. Hauptteil: Beschreibung des Bildes “Ein Besuch”
    1. Der Raum
      1. Einfache Einrichtung
      2. Große Sauberkeit
      3. Prunkstück des Stübchens
    2. Die Personen
      1. Ein alter, grauer Mann
      2. Ein Vogel als Besucher
    3. Gesamteindruck
      1. Störung bei der Arbeit durch den Vogel
      2. Nachdenklichkeit des alten Mannes durch das Vogellied
  3. Schluß: Entstehung neuer Schaffenskraft durch eine Entspannungsminute

Carl Spitzweg, ein Münchner Maler aus dem vorigen Jahrhundert, hat sich durch seine Bilder, auf denen er in humorvoller Weise das kleinbürgerliche Alltagsleben schilderte, einen unvergeßlichen Namen gemacht. Ein Bild von ihm, das mir sehr gut gefällt, trägt den Titel: “Ein Besuch.”

In einer kleinen Dachkammer ist eine bescheidene Schreibstube eingerichtet. Zwei Bilder und eine Tabakspfeife, die sich an der rückwärtigen Wand befinden, bilden den ganzen Schmuck in diesem kahlen Raum. Doch überall blinkt es vor Sauberkeit. Kein Papierstückchen liegt irgendwo verstreut auf dem Fußboden. Ein Mantel und ein Hut sind an einem Haken nahe der Türe sorgfältig aufgehängt. Vor einem hohen, schmalen Fenster durch das der Raum sein Licht erhält, steht auf einem grünen Teppich ein einfacher Schreibtisch, an dem große Bücher angelehnt sind. Der dazugehörige Stuhl, ein hochlehniger, samtüberzogener Armsessel aus der Rokokozeit, bildet das Prunkstück des ganzen Stübchens.

Ein alter, grauhaariger Mann hat darauf Platz genommen und ist über seine Arbeit gebeugt, die auf dem Schreibtisch vor ihm liegt. Er wird wohl ein Gelehrter oder ein Künstler sein, der noch eben in seine Tätigkeit so versunken war, dass er dabei die Umwelt ganz vergessen hatte. Ein großes aufgeschlagenes Buch, in dem er etwas zu suchen schien, bedeckt fast den ganzen Arbeitstisch. Einige Papierbögen liegen daneben. Das Fenster hat er weit geöffnet, doch war er mit seinen Aufgaben sicherlich zu sehr beschäftigt, als daß er einen Blick in die sonnige Landschaft getan hätte. Er sah auch bestimmt nicht den blauen Himmel, der zu ihm hereinstrahlt; denn niemand machte ihn auf diese Schönheiten aufmerksam. Doch das hat sich nun geändert; ein kleines Vöglein, das sich neugierig am Fenstersims niedergelassen hat, brachte den Alten durch sein Lied von der Arbeit ab. Verwundert blickt der Mann von seiner Tätigkeit auf, um den frechen Störenfried zu sehen, der sich erdreistet, ihn von seinen wichtigen Gedanken abzulenken. Aber er bringt es auch nicht über sein Herz, diesen kleinen Besuch zu vertreiben. Im Gegenteil, mit Wohlgefallen und innerer Andacht lauscht er den lieblichen Tönen, die ihn wohl zum Nachdenken anstimmen mögen. Nun sieht er auf einmal auch den Lichtstrahl, der in seine dunkle Dachkammer flutet.

Mit neuer Kraft wird nun der Schaffende seine Arbeit wieder aufnehmen können; denn durch diesen kleinen Besuch hat er sich eine seelische Entspannungsminute gegönnt.


Wie beurteilen Sie die Gestalt des Marc Anton in Shakespeares Drama Julius Cäsar?

Shakespeare, der seinem Schauspiel Julius Cäsar die “Lebensbeschreibung” des griechischen Schriftstellers Plutarch zu Grunde gelegt hat, zeigt uns in Marc Anton einen Menschen, der seinen eigentlichen wahren Charakter niemals ganz deutlich zu erkennen gibt.

Auf dem Luperkalienfest erleben wir in Marc Anton einen jungen Mann aus vornehmer römischer Familie, der Cäsar verehrt und liebt. Dieser schätzt ihn deshalb und erwählt ihn oft zu seinem Vertrauten und Ratschlaggeber. Antonius ist sehr bescheiden. Er macht in Gegenwart des großen Feldherrn einen friedlichen, sanftmütigen Eindruck. Ist Cäsar gegen jemand mißtrauisch, so ist er es, der stets einlenkt. Auch die Bedenken, die sein Kriegsherr gegenüber Cassius hat, versucht er zu beseitigen. Die Verschwörer Cäsars erwarten von Antonius nicht, daß er nach der Durchführung ihres Mordplanes, den sie gegen den Herrschsüchtigen hegen, gefährlich werden könnte. Brutus hält ihn nicht für bedeutend genug, im Gegenteil, er bezeichnet ihn nur als einen Lebemann, der sich der Lust, der Wüstheit und den Gelagen ergibt. Doch Brutus wird bald eines anderen belehrt; denn nach der Ermordung Cäsars erwacht in Antonius eine ungeahnte Tatkraft, die bisher in seinem Innern geschlummert hat. Er will an Cäsars Tod Rache nehmen. Jedes Mittel ist ihm dabei recht, das zum Gelingen seines Vergeltungsplanes beiträgt. Er nimmt weder auf sich noch auf andere Rücksicht. Zunächst täuscht Antonius die Verschwörer durch seine Offenheit. Er wird zum vollendeten Schauspieler als er sie bittet, ihre Lust an ihm zu büßen, wenn sie es feindlich mit ihm meinten. Als er nach diesem listigen Vorstoß sieht, dass ihm die Gegner friedlichen Sinnes entgegentreten, ergreift er ihre Hände und beteuert ihnen seine Freundschaft. Antonius setzt eiskalte Berechnung auf das Spiel, als er Brutus bittet, die Leichenrede für den Ermordeten halten zu dürfen, In dieser Ansprache zeigt Marc Anton das erste Mal vor der zuhörenden Volksmenge einen Teil seines wahren Charakters. Mit leidenschaftlichen Worten versucht er die Versammelten von der Größe und den guten Absichten Cäsars zu überzeugen. Und doch läßt es sich nicht unterscheiden, ob die Worte des Redners ehrlich gemeint sind oder von einer schlauen Verstellungskunst zeigen. Mir scheint, daß ihm der Ermordete nur Mittel zum Zweck ist, um die Macht der Verschwörer vor dem Volke zu brechen und seine eigene zu festigen. Abwechselnd weckt er im leichtbeweglichen Volke Mitleid und Dankbarkeit für Cäsar, Wut und Rachsucht für die Verschwörer. Der Höhepunkt im Inhalt seiner Rede ist die Bekanntgabe eines Vermächtnisses des Toten an das Volk der Römer. Er weiß, dass er durch dieses Lockmittel die habgierigen Menschen vollständig auf seine Seite bringen kann. Antonius entfaltet sich zu einem gefährlichen Demagogen. Er beherrscht die Volksmassen und macht sie zu seinem Werkzeug.

Bei der Aufstellung der Proskriptionslisten geht er bedenkenlos vor. Nicht einmal vor den Angehörigen seiner eigenen Familie schreckt er zurück und lässt sie ebenfalls vernichten. Den großzügig gewährten Geldbetrag, den Cäsar in seinem Testament dem Volke vermacht hat, versucht er zu kürzen.

Doch die Tage der uneingeschränkten Macht des Mark Anton währen nur kurze Zeit; denn ein ruhiger, kühl denkender Römer nimmt ihm langsam, fast unmerklich, die Führung aus der Hand Es ist der junge Oktavianus.

Hans Lehrer, Städt. Abendmittelschule, Klasse 2, Schuljahr 1960/61


Höflichkeit baut Brücken

Das Leben bringt uns im Umgang mit Menschen oft in schwierige Lagen, die nur durch Höflichkeit zu überwinden sind. Taktgefühl, Rücksichtnahme, Achtung und Ehrerbietung bilden schon von alters her die wichtigsten Wesensmerkmale des guten Benehmens.

Höflichkeit sollte vor allem deswegen stets angewandt werden, um sich das Leben gegenseitig zu erleichtern. Ein Arbeiter, der sich in seiner neuen Stellung noch fremd fühlt, wird sich viel schneller eingewöhnen, wenn ihm die Kollegen freundlich und zuvorkommend gegenübertreten. Ebenso kann die Jugend den älteren Leuten durch Achtung und Ehrerbietung beweisen, dass sie nicht so frech und unhöflich ist, wie oft behauptet wird. In jeder Familie, in jedem Betrieb herrscht nur durch gegenseitige Rücksichtnahme ein friedliches Auskommen. Aber auch im Straßenverkehr rechnet jeder auf die Höflichkeit des anderen und ist ihm dafür dankbar. Bei meiner letzten Ferienfahrt, die mich nach England führte, war ich vielleicht etwas pessimistisch gestimmt, wenn ich daran dachte, wie unbeliebt unser Volk in diesem Lande ist; aber ich war doch angenehm überrascht, von der großen Höflichkeit, die mir überall zuteil wurde. So kann freundliches Entgegenkommen zwischen den einzelnen Nationen viel zur Völkerverständigung beitragen.

Ein taktvoller Mensch schweigt über manche Mängel und Fehler, die ein anderer aufzuweisen hat. Dadurch gewinnt er viele Freunde und wird von jedermann geachtet und geschätzt. Vor taktlosen Leuten aber zieht man sich im allgemeinen zurück. Jeder wird nach seinem ersten Eindruck, den er hinterlässt, gewertet und beurteilt. Ein gutes Benehmen kann bei einer persönlichen Vorstellung oft zum besten Empfehlungsbrief werden und im Berufsleben zum größten Erfolg führen.

Echte Höflichkeit entsteht nur durch Selbstdisziplin und Selbstbeherrschung. Man muss sich durch gewandtes Benehmen Geltung und Beliebtheit erringen und Unsicherheit und Unbeholfenheit ablegen.

Hans Lehrer Aufsatz Städtische Abendmittelschule 2. Klasse