Die Funkkaserne

An einem nasskalten Märztag zieht es mich auf das ehemalige Kasernengelände am Frankfurter Ring in München, wo ich vor 44 Jahren am 1. April 1965 zur Bundeswehr eingezogen wurde. Die Kaserne ist schon längst aufgelöst worden, und die leeren Gebäude gleichen einer verlassenen Geisterstadt. Der Eingang ist offen. Kein Wachtposten verlangt mehr nach dem Ausweis. Rechts liegt das ebenerdige Gebäude, in dem die Gefängniszellen untergebracht waren, links vom Eingang befand sich einmal die Wache. Heute steht in diesem Raum ein runder Tisch mit einigen Stühlen und dient scheinbar als Sitzungszimmer für friedliche Zwecke. Ich blicke durch das Fenster meiner Zelle, in der ich drei Wochen lang wegen Fahnenflucht “das Leben eines Einzellers“ fristete. Noch gibt es die Räumlichkeiten, auch wenn die Gitter vor den Fenstern längst verschwunden sind. Neugierig stelle ich mich auf die Zehenspitzen, um einen Blick ins Innere zu werfen. Dort stand einmal mein Bett, das ich tagsüber hochklappen musste, ein Tisch, ein Stuhl auf dem ich saß und mir mit provokanter Literatur die Zeit vertrieb. “Im Westen nichts Neues” von Erich Maria Remarque, “Billard um halb Zehn” und “Ansichten eines Clown” von Heinrich Böll, oder zur Abwechslung das “Neue Testament“, in dem Jesus alle Menschen zur Friedfertigkeit aufruft ... alles Bücher, die beim Wachpersonal ziemliches Misstrauen erweckten. Außer altem Gerümpel kann ich nichts erkennen, und nichts deutet mehr darauf hin, dass hier einmal ein Gefängnis war. Zu Fuß schlendere ich weiter bis zur Kantine, zu der wir jeden Morgen und Mittag während der Grundausbildung gemeinsam marschiert sind, in der wir schöne Weihnachtsfeiern erlebten und die Geselligkeit pflegten. Die Türe lässt sich leicht öffnen. Niemand würde jedoch heute vermuten, dass hier einmal unser Speisesaal war, in dem wir an langen Tischen unser Essen einnahmen. Von den Wänden bröckelt der Putz, der Boden ist aufgerissen und viele Fensterscheiben sind zerbrochen. Gleich neben der Kantine liegt noch immer der betonierte große Platz, auf dem wir für die Formalausbildung gedrillt wurden. “Heute wollen wir marschier’n ... einen neuen Marsch probier’n ... “ Auf dem Rückweg mache ich einen Abstecher zum Revier, wo Dr. Liebig uns stets als Simulanten in Verdacht hatte, wenn wir uns krank meldeten. Türen und Fenster sind verriegelt, an ein Hineinkommen ist nicht zu denken. Ich gelange zum Stabsgebäude, in dem Oberstleutnant Matern als ranghöchster Offizier im ersten Stock sein Büro hatte. Öfters bin ich diese Steintreppe, auf der kein Stäubchen Schmutz lag, emporgestiegen. Leer und verwahrlost sind diese Räume heute. Gleich daneben liegt unser Kompaniegebäude. Hier war die Pionier- Lehr- und Versuchskompanie beheimatet, in der ich nach der Grundausbildung 18 Monate meinen Wehrdienst ableistete. Auch dieses Gebäude scheint in einem erbarmungswürdigen Zustand zu sein. Es ist unbewohnt und leer. Obwohl einige Fensterscheiben eingeschlagen sind, lässt sich kein Fenster öffnen, in das ich einsteigen könnte. Ich entdecke in einem Lichtschacht ein offenes Kellerfenster, will unbedingt hinein und krieche durch die Öffnung. Am Ende der Kellertreppe steht an der Wand noch immer der Hinweis, dass es hier zu den Schutzräumen für den 1. Zug geht. Hier bin ich richtig.

Zum ersten Mal nach so vielen Jahren befinde ich mich allerdings als Eindringling wieder in unserem Kompaniegebäude, das ich als Soldat gehasst und erst in der Erinnerung lieb gewonnen habe. Nichts erinnert mehr daran, dass hier einmal Soldaten ein- und ausgingen. Überall herrscht gespenstische Stille. Ich stoße auf die gleiche Verwahrlosung. Für alle Bauten auf diesem Gelände hat längst das letzte Stündchen geschlagen, denn sie werden bald abgerissen. Eigentlich ist es nicht schade darum, denn Kasernen beherbergen Soldaten, und Soldaten werden für den Krieg oder Ernstfall ausgebildet. Diese negative Einstellung zum Wehrdienst und den unbeugsamen Freiheitsdrang hatte ich auch damals schon, als ich zur Bundeswehr kam und mich nur widerwillig in mein Schicksal fügte. Ich war kein guter Soldat. Schließlich wurde ich am 16. November 1965 wegen Fahnenflucht zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt, weil ich 84 Tage eigenmächtig der Truppe ferngeblieben war. Ich erhielt Bewährung, erlitt jedoch 1 Tag Untersuchungshaft in der Ettstraße und verbüßte 21 Tage Arrest in eben jener Zelle, die es heute noch gibt, aber keine Zelle mehr ist. Während meiner Grundausbildung in der Ausbildungskompanie 415, deren primitive Behausungen kurz nach meiner Entlassung bereits abgerissen wurden, in denen sich auf den Zimmern noch Holz- und Kohleöfen befanden, die beim Stubenappell um 22 Uhr fein säuberlich gereinigt sein mussten, erhielt ich von Oberleutnant Buschkow, meinem Kompaniechef, keine gute Beurteilung. Ich mochte ihn nicht und er mochte mich nicht:

“Lehrer ist ein offener, sauberer und korrekter Soldat. Er sieht nur noch nicht die Notwendigkeit des Dienstes in der Bundeswehr. Im Außendienst wie auch im Innendienst stellt er sich ungeschickt an, ist aber stets bemüht sich selbst zu verbessern. Er zeigt in jedem Dienst ausreichende Leistungen und ist als Pionier in der Gruppe fachdienstlich geeignet.”

Lieber wäre mir gewesen, sie hätten geschrieben, dass ich für den Wehrdienst untauglich sei. Ja, ich wäre sogar mit einer unehrenhaften Entlassung einverstanden gewesen. So aber musste ich selbst eine Maßnahme ergreifen, da es noch keine Kriegsdienstverweigerung gab und beging als Antwort darauf kurze Zeit später Fahnenflucht; denn ich hatte keine Lust, zu etwas gezwungen zu werden, das ich nicht wollte. Es war mir wichtig ein Zeichen zu setzen. Immerhin lagen hinter mir eine Berufsausbildung zum Industriekaufmann, der dreijährige Besuch der Abendmittelschule und 5 Semester Studium an der Höheren Wirtschaftsfachschule mit den besten Leistungen. Ich war ehrgeizig und wollte es im Leben zu etwas bringen, aber nicht als Soldat. Trotzdem kehrte ich nach drei Monaten wieder in die Kaserne zurück, weil ich Heimweh nach München verspürte, meine Mutter wieder sehen wollte und die Schnauze von Damaskus gründlich voll hatte ... Nach meiner Rückkehr waren die Fronten endgültig geklärt. Meine Vorgesetzten wussten, wie sie mit mir dran waren, und ich wurde als “anerkannter” Pazifist plötzlich respektvoller behandelt. Man bot mir den Dienst in der Schreibstube an und verschonte mich damit weitgehend, im Gelände Krieg spielen zu müssen. Ich musste an keiner Schießübung mehr teilnehmen und kein G 3 (Gewehr) mehr putzen. Dreimal fuhren wir noch ins Manöver auf den Heuberg bei Ebingen und nach Münsingen. Ich brachte es während meiner Wehrdienstzeit dennoch bis zum Gefreiten und erhielt sogar eine fachdienstliche Eignung als Stabsdienstsoldat.

Daran muss ich denken, wenn ich langsam den langen Gang entlang gehe. Rechts neben dem Eingang hielt der UvD (Unteroffizier vom Dienst) die Stellung. Er musste darauf achten, dass die Soldaten in der Frühe rechtzeitig aufstanden und sich während der übrigen Zeit ordentlich verhielten. Kaum wieder zu erkennen ist ein paar Schritte weiter auf der rechten Seite das Zimmer mit seinen zwei Fenstern, in dem unsere Schreibstube untergebracht war. Der Raum gegenüber, mit einem großen Loch in der Mauer, muss das ehemalige Büro unseres Spieß, des Oberfeldwebel Winfried Brümmer gewesen sein. Es folgten anschließend die Räumlichkeiten des Kompanieleutnant Loos, des Kompaniechefs Major Hotze, des Hauptmann Gerlach und der Gruppenführer, bei denen die vollen Bierkästen nie ausgingen und deshalb auch als “Kaffeekränzchen Materla” bezeichnet wurden. Ich suche an der Wand nach Spuren, wo das “Schwarze Brett”, mit dem heiß diskutierten Bereitschaftsplan befestigt war, der die Soldaten der Kompanie, unterteilt in vier Gruppen, abwechselnd zum unbeliebten Bereitschaftsdienst an einem Wochenende im Monat verpflichtete, an dem sie die Kaserne nicht verlassen durften. Weiter vorne ist noch immer der große Duschraum an seinen braun gefliesten Wänden zu erkennen, und im weiteren Verlauf lagen auf beiden Seiten des Gangs ein Teil der Soldatenunterkünfte, die mit zwei Stockbetten ausgestattet waren, so dass auf jeder Stube, in denen übrigens viel geraucht wurde, vier Soldaten untergebracht waren. Ich gehe die Treppe hinauf zum ersten Stock, blicke auch hier in alle Zimmer, die leer und ohne Türen sind. Ich erinnere mich noch gut, wie der Spieß beim Stubenappell einmal die Soldaten, die ihre Betten zusammen geschoben hatten, anschrie, dass er keine Ehebetten dulden würde und muss heute noch darüber lachen, obwohl ich traurig bin, weil ich wieder einmal merke, wie alles auf der Welt vergänglich ist. Ich versuche, ein bisschen Leben in diese toten Räume hineinzubringen und singe mit lauter Stimme das Lied, das mir im Gedächtnis geblieben ist ... und das ich als erstes gelernt hatte:

“Wolken zieh’n in dunkler Nacht
so fern der Heimat hin,
stolz steh’ ich für Deutschland Wacht
und froh ist stets mein Sinn,
an allen Grenzen steht das graue Heer
in der Heimat wohnt ein Mädel, das lieb ich so sehr,
an allen Grenzen steht das graue Heer,
in der Heimat wohnt ein Mädel, das lieb ich so sehr.

Niemand hört mich! Trotzdem möchte ich, dass aus allen Stuben die Soldaten strömen, Fröhlichkeit einzieht und das lustige Soldatenleben eine Fortsetzung hat. Ich möchte, dass die alte Kameradschaft wieder erwacht und würde am liebsten einen Besen zur Hand nehmen und zu kehren beginnen, wozu ich als Soldat überhaupt keine Lust hatte, würde sogar die Zigarettenkippen fein säuberlich einsammeln, weil es der Oberstleutnant einst so gewünscht und befohlen hatte und spüre, wie ich im Alter plötzlich sentimental werde und einem Stück meiner unbeschwerten Jugend nachtrauere. Irgendwie war sie doch schön, die Zeit beim Militär, auch wenn die Narben des zweiten Weltkrieges noch längst nicht verheilt waren und wir uns noch mitten im “Kalten Krieg” befanden.

Hans Lehrer