In der Forellenschule weihnachtet es

Weihnachten vor sechzig Jahren war noch geprägt von Entbehrung und Armut nach dem Krieg. Ich besuchte 1950 die 3. Klasse in der Forellenschule in Trudering. Wir Kinder machten uns aber keine großen Gedanken darüber, wie schlecht oder gut es uns ging sondern freuten uns vielmehr über jede Kleinigkeit, die unser Leben etwas schöner machte, besonders wenn es auf Weihnachten zuging. Meist hatte es im Dezember bereits geschneit, und wir bahnten uns mit dem schlechten Schuhwerk, das wir anhatten, einen Weg durch die mit Schnee bedeckten Straßen, die schlecht geräumt waren oder durch Schneeverwehungen oft sogar unpassierbar wurden, so dass viele Kinder hin und wieder zu spät in die Schule kamen.

Dort war die vorweihnachtliche Stimmung bereits überall zu spüren. In den meisten Schulzimmern hing ein Adventskranz von der Decke, und die Fenster waren mit Tannenzweigen und kunstvoll ausgeschnittenen Sternen aus Gold- und Silberpapier, die wir gebastelt hatten, geschmückt. Schüler der höheren Klassen führten im so genannten “Ausweichzimmer”, in dem an den Donnerstagen immer der freiwillige Englischunterricht stattfand, ein Hirtenspiel auf, in dessen Mittelpunkt die Herbergssuche stand, bei der Josef und Maria mehrmals verzweifelt an die selbe Türe eines kleinen Nebenraums klopften, der eigentlich eine Besenkammer war, und in der Frau Simson, unsere Putzfrau, ihr Zeug aufbewahrte. Damals aber trat ein Wirt vor die Türe und verscheuchte unbarmherzig die Herbergssuchenden, die mir so leid taten. Schließlich fanden sie in einer anderen Ecke des Schulsaales, in der die Umrisse eines Stalls zu erkennen waren, Unterschlupf. Als den Hirten verkündet wurde, dass Jesus auf die Welt gekommen sei, durften wir alle fröhlich mitsingen:

„Kom - met ihr Hir - ten, ihr Män - ner und Fraun,
kom - met das lieb - li - che Kind - lein zu schaun!
Chris - tus der Herr ist heu - te ge - boren,
den Gott zum Heiland euch hat er - ko - ren.
Fürchtet euch nicht !”

Aber noch ein anderes, wunderbares Erlebnis, fiel in diese Vorweihnachtszeit. Unser meist mürrisch dreinblickender Lehrer Josef Kastl verteilte einmal ausnahmsweise keine Tatzen sondern Eintrittskarten für eine Weihnachtsfeier in der St. Anna-Schule im Lehel an Schüler, die er halt gut leiden konnte. Dazu gehörte ich natürlich nicht; denn ich war beileibe kein Musterschüler. Trotzdem gab er mir nach längerem Zögern und heftigem Betteln meinerseits seine letzte Karte, wahrscheinlich auch als Belohnung dafür, dass ich mich immer brav und gewissenhaft an jedem Monatsanfang während des Unterrichts zu Fuß auf den Weg machte, um von der Sparkasse in Trudering sein Gehalt abzuholen und es ihm auf Heller und Pfennig in einem verschlossenen Umschlag in die Schule zu bringen.

Wie aber kam ich als neunjähriger Bub ganz allein von Trudering ins Lehel? Mutter hatte keine Zeit oder wollte mich einfach nicht begleiten sondern gab mir nur das Fahrgeld für den Omnibus und die Straßenbahn und meinte, ich würde mich schon irgendwie durchfragen. So schwer sei das doch nicht. Als ich am Dukatenweg in den Omnibus, der damals auf seinem Weg nach Berg-am-Laim noch durch die Damaschkestraße fuhr, einstieg, sah ich zu meiner großen Erleichterung im hinteren Teil den Knauer Klaus mit seiner Mutter und auch noch andere Schulkameraden sitzen. Sie alle fuhren, wie sich herausstellte, zu dieser Weihnachtsfeier. Ein großer Stein fiel mir vom Herzen. Nun konnte ja nichts mehr schief gehen, dass ich vielleicht nicht hin fände oder gar zu spät käme. In Berg-am-Laim stiegen wir in die Straßenbahn der Linie 1 und fuhren bis zum Ostbahnhof. Dort stiegen wir um in die Linie 4, die uns direkt zum Lehel brachte.

Noch nie hatte ich einen so großen Schulsaal, in dem die Kinder bereits dicht gedrängt und voller Erwartung saßen, gesehen. Wir erlebten eine Weihnachtsaufführung, in der nur Mädchen auftraten, weil die Schule eine höhere Mädchenschule war.

Einzigartiger Höhepunkt aber war die Bescherung am Ende der Weihnachtsfeier. Jedes Kind erhielt ein Paket, nicht viel größer als ein Schuhkarton, in dem sich, liebevoll verpackt, die herrlichsten Dinge befanden, die sich ein Kinderherz nur wünschen konnte. Alle diese kleinen Geschenke waren direkt aus Amerika zu uns gekommen. Es waren vor allem nützliche Sachen, die wir auch gut für die Schule gebrauchen konnten ... und Spielsachen, die es bei uns nicht gab. Reich beschenkt kehrte ich glücklich und zufrieden heim und zeigte die Schätze meiner Mutter. Noch heute bewahre ich ein paar von den “amerikanischen” Glasmurmeln in meinem Sammlerschrank auf, bei deren Anblick meine Augen für einen kurzen Moment noch immer ein wenig zu glänzen beginnen, wenn ich an diese unvergessliche Weihnachtsfreude zurück denke.

Hans Lehrer