Die Abendmittelschule

Es war nicht leicht, am Abend nach der Arbeit noch die Schulbank zu drücken, aber ich hatte mir fest vorgenommen, nach Beendigung meiner kaufmännischen Lehre im Jahr 1959, drei Jahre auf die Städt. Abendmittelschule zu gehen, um mir vor allem das Wissen anzueignen, das ich in der Volksschule nicht mitbekommen hatte. Auch hier bewahrheitete sich wieder einmal das Sprichwort, dass aller Anfang schwer sei; denn sich daran zu gewöhnen, drei Mal die Woche am Abend von sechs bis neun Uhr und auch noch am Samstag Vormittag die Treppen der Deroyschule in München bis in das 3. und 4. Stockwerk hinauf zu steigen, kostete schon oft Überwindung und verursachte manchmal banges Herzklopfen vor allem vor einer Schulaufgabe. Vielleicht hörten deshalb bereits am Anfang wieder so viele auf, weil ihnen einfach alles zuviel wurde, so dass auch in unserer Klasse am Ende des Schuljahres nur noch ein harter Kern übrig geblieben war. Ich hatte großen Respekt vor dieser Schule, in der man vor allem Wert auf Pünktlichkeit, Fleiß und lückenlosen Schulbesuch legte. So kam es, dass ich während der gesamten drei Jahre kein einziges Mal fehlte und zum Glück nie ernsthaft erkrankte.

Von der Berufsschule her, war ich mit guten Noten verwöhnt, so dass ich doch etwas enttäuscht war, als ich auf meine erste Mathematikkurzaufgabe gleich die Note 4 erhielt. Trotzdem fand ich in meinem Lerneifer und Wissensdurst alle Fächer äußerst interessant. Schwächen glich ich durch erhöhten Fleiß aus, so dass ich gut durch die drei Jahre kam. Wir bekamen durch unsere Lehrer nicht nur Wissen sondern auch Verantwortungsbewusstsein, Kritikfähigkeit, Charakterstärke und vor allem Allgemeinbildung vermittelt. Viele Lehrkräfte hatten den 2. Weltkrieg miterlebt und fühlten sich verpflichtet ihre pazifistische Einstellung auch an uns weiter zu geben. Lehrer und Schüler bildeten eine Gemeinschaft, fast eine Familie. Meine Lieblingsfächer waren Deutsch, Literatur und Geschichte. Weniger Interesse hatte ich für Mathematik und Physik. Meinen ganzen Ehrgeiz legte ich in das Fach Chemie. Englisch und Erdkunde weckten in mir das Verlangen, mit allem meinem Wissen und meinen Fähigkeiten einmal die Welt zu bereisen.. Biologie ließ mir das Leben in einem ganz neuen Licht erscheinen. Besonders im letzten Schuljahr wurde mein Lerneifer immer größer, so dass ich 1962 vier Fächer mit der Note 1 und vier Fächer mit der Note 2 abschließen konnte.

Ich erhielt einen Schulpreis und eine Belobigung.

Mit 20 Jahren wählte ich in der Abschlussprüfung das Aufsatzthema: “Was kann ich als Einzelner zur Völkerverständigung beitragen” und konnte meine Mittlere Reife mit einer Fahrt nach Israel krönen, die vom Schulreferat für 30 Münchner Schüler und 5 Lehrer organisiert worden war, um Land und Leute im Kibbuz Nir Am und auf einer anschließenden Rundfahrt das Hl. Land kennen zu lernen. Nie vergessen werde ich die meisten meiner Lehrer, wie z.B. Herrn Roidl in Erdkunde und Geschichte, Herrn Götz in Biologie, Herrn Dr. Rebel in Chemie, Gabriele Schönhuber in Englisch, Christl Giehler in Deutsch und Frau Schmatz in Mathe und Physik und vor allem unseren Schulleiter Herrn Oberstudiendirektor Dr. Seegerer, dem ich so viel zu verdanken habe. Sie alle leben nicht mehr unter uns aber in meinem Herzen leben sie weiter und haben dort einen festen Platz.

Hans Lehrer