Die 7 Schlager der Woche

Gerne höre ich die alten Schlager von früher, wenn sie ab und zu irgendwo erklingen und denke dabei zurück an meine Kindheit und an die Zeit nach dem Krieg, in der meine Erinnerung endgültig einsetzte. Schnell konnte ich mir die Melodie und den Text eines Liedes merken und so sang ich bereits als Fünfjähriger einen Schlager, den mir mein älterer Bruder beigebracht hatte:

Der Vater ist krank,
die Mutter ist krank,
die Kinder laufen nackt
auf der Straß’ umanand.
Hei babariba, hei babariba ...

Ich kenne einen Mann,
der ist 16 m lang,
der schläft in der Küch’
und hat d’Füß auf dem Gang.
Hei babariba, hei babariba ...

dabei benützte er Mutters Teppichklopfer als Gitarre und tat so, als ob er darauf spielen würde.

Von meiner großen Schwester lernte ich die Schlager

Lass’ mich heut’ Abend nicht allein,
denn ich kann heut’ nicht ohne Liebe sein...

oder

Ich tanze mit dir in den Himmel hinein
in den 7. Himmel der Liebe...

Letzterer war ein langsamer oder Englisch Walzer, bei dem sie sogar versuchte, mir die Tanzschritte beizubringen.

Auf dem Schulhof sangen wir die “Caprifischer” oder den Schlager „Von den blauen Bergen kommen wir, von den Bergen, ach so weit von hier ...“ und ab 1950 gab es jeden Samstag Abend im Radio die Sendung. “Die 7 Schlager der Woche”, wobei Vico Torriani mit “Der Südwind der weht ... “ und später mit “Adio Donna Gracia ... “ lange Zeit den 1. Platz belegte. Nicht unter den 7 Schlagerstars aber dennoch sehr beliebt war damals auch Maria von Schmedes, die wegen ihrer “roten Haare” unglücklich war. Als Österreicherin sang sie mit Wiener Akzent: “I hob’ rote Hoa‘, feierrote Hoa’ sogoa ... “, kurze Zeit darauf gestand sie, dass sie nicht bügeln und stricken, weder kochen noch waschen und auch nicht flicken könne ... “doch weiß der Hans und der Franz und der Fritz und der Klaus, ja wenn’s ans Küssen geht, da kenn’ ich mich gut aus“. Bevor Anfang der 50iger Jahre mit Catarina Valente ein neuer Stern am Schlagerhimmel aufging und uns mit dem Schlager “Ganz Paris träumt von der Liebe .” verzauberte, war da noch diese kleine Berliner Göre Cornelia mit ihrem Schlager “Pack die Badehose ein”, die später als Conny Froboess mit dem Schlager “2 kleine Italiener” wiederum die Herzen der Radiohörer eroberte. Bruce Low sang mit seiner tiefen Stimme vom alten Haus in Rocky Docky und Ralf Bendix sorgte mit seinem “Babysittersong ...” für Stimmung und gute Laune. Fred Bertelmann machte mit seinem Schlager vom “Lachenden Vagabund” die Frauen verrückt und Lale Andersen sang mit ihrer sanften Seemannsbrautstimme von der blauen Nacht “oh blaue Nacht am Hafen, in der Ferne rauschen Meer und Wind“. Noch wurden alle Schlager in deutscher Sprache gesungen, so dass man auch den Text verstehen konnte, der sich sehr oft auf Herz und Schmerz reimte. Schade, dass der Schlager nur aus dem Radio kam, so dass man nicht sehen konnte, wie zum Beispiel Illo Schieder aussah, die aus voller Kehle den Schlager “Mambo Caballero” sang oder “die sieben einsamen Tage” einer Frau beschrieb. Die „Anneliese, ach Anneliese, warum bist du traurig auf mich ... “ wurde ebenso besungen wie die “Beine der Dolores ...” und Rudi Hofstetter sang mit Ernie Biehler “Ich möcht’ gern dein Herzklopfen hör’n”. Wurde der Schlager zu einem Ohrwurm, drehte man gleich einen Film davon, der den gleichen Titel wie der Schlager trug. So entstanden die Heimatfilme “Die Fischerin vom Bodensee ...” ursprünglich ein Volkslied, gesungen von Franz Winkler, “Schützenliesel”, gesungen von Fred Rauch, der jahrzehntelang am Mittwochabend im 1. Hörfunkprogramm die Sendung “Sie wünschen, wir spielen ihre Lieblingsmelodien” ansagte oder “Weißer Holunder” dessen Sängerin Gitta Lind war, um nur drei zu nennen. Ende der 50iger Jahre tauchte Dalida mit ihrer romantischen Stimme auf, die mit dem Lied “Am Tag, als der Regen kam ... lang ersehnt heiß erfleht ...” jeden Menschen verführte. Besonders eindrucksvoll sang sie den Schluss - “... und dann kamst du ...“ - wobei sie die letzte Zeile in die Länge zog. Mit 54 Jahren nahm sie sich das Leben. Italien wurde im Schlager gerne besungen. War es doch das Urlaubsreiseziel Nr. 1 aller Deutschen, und das Lied von der “Marina”, auch wenn es von Rocco Granata auf italienisch gesungen wurde, pfiffen bald alle Spatzen von den Dächern. Mit der ersten Gastarbeiterwelle wurde auch das Fern- und Heimweh im Schlager besungen. Während Freddy mit seinen Schlagern “Junge, komm bald wieder, bald wieder nach Haus ...” und “Heimatlos” besonders die Herzen aller Mütter rührte, wartete ein kleines Mädchen aus Piräus auf ein Schiff, das seinen Traum erfüllen und seine Sehnsucht stillen sollte oder wurde ein anderes “Fräulein” aufgefordert: “Steig’ in das Traumboot der Liebe, fahre mit mir nach Hawai, dort auf der Insel der Sehnsucht, wartet das Glück auf uns zwei . “. Heidi Brühl sang: “Wir wollen niemals auseinander geh’n und musste selbst, wie auch Alexandra, die von einem “Zigeunerjungen” erzählte, viel zu früh und viel zu jung sterben. Mit dem Lied, “Mein Freund, der Baum” setzte Alexandra neue Maßstäbe, die auch Udo Jürgens mit dem Schlager “Merci Cherie” setzte, mit dem er 1966 den Eurovision Song Contest gewann.

Als das Fernsehen immer mehr in den deutschen Wohnzimmern Einzug hielt, ging die Zeit des Rundfunkschlagers und damit eine ganz besondere Epoche zu Ende. Viele neue, vor allem internationale Schlagerstars kamen und gingen seitdem, zu viele, um sich alle zu merken.

Hans Lehrer