Die Evangelischen feiern Weihnachten

Fast noch schöner als der Heilige Abend mit seinem Christbaum, dem Kripperl und der Bescherung, mit Mutters selbst zubereiteten Punsch und ihren vorzüglichen Plätzchen war die Weihnachtsfeier der Evangelischen von Berg am Laim und Trudering Anfang der 50er Jahre. Ich selbst bin zwar katholisch, aber dadurch, dass die Verwandtschaft meines Vaters, die bereits 1803 als erste evangelische Familie nach Trudering kam “gut” evangelisch war, durfte ich mit meinen zwei alten Tanten, die unverheiratet geblieben sind und selbst keine Kinder hatten, immer am 6. Januar auf die mit großer Freude erwartete Weihnachtsfeier gehen, die nichts mit den Heiligen Drei Königen zu tun hatte, viel aber mit der “Erscheinung des Herrn”, dem eigentlichen Weihnachtsfest, an dem Christus den Menschen als Kind in der Krippe erschienen ist und den etwas seltsamen Namen “Epiphanias” trägt.

Da die Weihnachtsfeier bereits um 16 Uhr begann, musste an diesem Tage mein Vater das Melken der Kühe und die Stallarbeit übernehmen, damit meine Tanten von dieser Arbeit befreit waren. Tante Betti parfümierte sich noch mit Tosca, damit sie nicht gar so arg nach Stall roch, flocht sich die Haare besonders sorgfältig zu einem ansehnlichen Schopf, setzte ihren schwarzen Hut auf , strich den schwarzen Mantel glatt und warf immer wieder einen prüfenden Blick in den Spiegel, während mir Tante Marie zum wiederholten Male von ihrer Schulzeit in Perlach erzählte, in der sie das Weihnachtsevangelium auswendig aufsagen musste und bei dem Satz, dass Maria “schwanger“ sei, stecken blieb, da sie dieses Wort als unmoralisch empfand und nicht aussprechen wollte. Allerdings ist es schon mehr als hundert Jahre her, dass Tante Marie mit ihren Geschwistern jeden Tag von Kirchtrudering nach Perlach zu Fuß in die evangelische Schule gehen musste.

Wir stiegen beim Obermaier in den Bus nach Steinhausen ein, fuhren jedoch nur bis nach Berg-am-Laim zur Schwanhildenstraße, in deren Nähe sich auch heute noch die Sporthalle des Eisenbahnersportvereins befindet, wo die Weihnachtsfeier stattfand. Gleich hinter dem Eingang entdeckte ich zu meiner freudigen Überraschung wieder den reich beladenen Glückshafen, nachdem wir von Pfarrer Egk und seiner Gattin herzlich begrüßt worden waren. Die Leute kannten sich untereinander, nickten sich freundlich zu und auch mir kamen viele Gesichter schon bekannt vor. Die Tanten versuchten möglichst nah an der mit Tannenbäumen festlich geschmückten Bühne einen Platz zu finden, damit vor allem ich alles gut sehen konnte. Draußen dämmerte es bereits, als die Kerzen angezündet wurden und alle gemeinsam das Weihnachtslied

“Oh du fröhliche, oh du selige, Gnaden bringende Weihnachtszeit ...“

anstimmten. Dann hielt Pfarrer Egk eine besinnliche Ansprache, dankte allen Helfern, die zum Gelingen der Weihnachtsfeier beigetragen hatten und forderte am Schluss die Leute auf, fleißig Lose zu kaufen, damit für die Kirche möglichst viel Geld rein komme. Ich nickte meinen Tanten ein paar Mal aufmunternd zu, diese Worte auch zu beherzigen, damit auch sie ihr Geld locker machten. Bis es allerdings so weit war, gab sich Diakon Kollmer große Mühe ein festliches und umfangreiches Programm auf die Bühne zu bringen, in dem vor allem seine “Jungschar” verschiedene Theaterstücke zur Aufführung brachte. Gut erinnern kann ich mich noch an Frau Jonas, Mitglied im Kirchenchor, die den “Frühlingsstimmenwalzer” von Johann Strauß, der eigentlich gar nicht zu Weihnachten passte, gekonnt vortrug und dabei auch die höchsten Töne vortrefflich beherrschte.

In der Pause gab es zur Stärkung Würstl mit Senf und einer Breze, die ich mir gerne schmecken ließ, blickte dabei aber immer wieder zum Glückshafen, der mir mit seinen zusammen getragenen Preisen wie ein reichlicher Gabentisch vorkam. Als der festliche Teil der Weihnachtsfeier beendet war, kam eine gewisse Unruhe und Hektik in den Saal. Die Menschen drängten sich um die Losverkäufer, um möglichst viele Lose zu kaufen. Auch meine Tanten ließen sich nicht lumpen und wollten ihrer geliebten evangelischen Kirche zu einer großzügigen Spende verhelfen. Fast wurde ich nicht mehr fertig mit dem Losaufmachen und stieß bei jedem Treffer einen kleinen Jauchzer aus. Für 10 Mark bekam man 50 Lose und 10 Mark waren damals viel Geld. Wenn auch viele Nieten dabei waren, wurde die Zahl mit den kleinen Zetteln auf denen eine Nummer stand, immer größer, und ich war gespannt, welche Preise auf uns winkten.

Einer der Haupttreffer, der auf unsere Losnummer fiel, war ein Bügeleisen. Ich kann mich auch noch an eine Bluse, gestiftet von der Firma Guth und Lindert, und vielleicht sogar genäht von meiner Schwester, die dort als Heimarbeiterin beschäftigt war, erinnern Ihr wollte ich diese Bluse schenken. Völlig neu war mir, dass man Kartoffelknödel aus Pfannimehl zubereiten konnte. Davon ein Paket, ein Parfüm und ein Paar Hausschuhe zählten zu unseren bemerkenswerteren Gewinnen. Leider waren meine Tanten anschließend ziemlich enttäuscht, weil halt gar nichts Brauchbares für sie dabei war, was ihnen gefallen hätte. So durfte ich das meiste mit heim nehmen, um es am nächsten Tag meiner Mutter, die am 7. Januar Geburtstag hatte, zu schenken.. Sie freute sich über jede Kleinigkeit, weil sie jeden Pfennig daheim zweimal umdrehen musste, um eine fünfköpfige Familie in der schlechten Zeit zu versorgen. Allerdings war es auch das einzige Mal im Jahr, dass sie sich über etwas, das von den Evangelischen kam, freute. Sonst machte sie einen weiten Bogen um alles Lutherische.

Hans Lehrer