Mein Vater

(gewidmet meinem Freund Klaus)

Unser Vater liebte das Bier und seine Zigaretten. Vielleicht waren beide schuld daran, dass er nur 66 Jahre alt geworden ist, aber was hätte das für einen Unterschied gemacht, wenn er zum Beispiel 77 oder gar 88 geworden wäre. Sicher hätte ich dann länger einen Vater gehabt, um ihn noch besser kennen zu lernen, ihn Dinge zu fragen, die mir auch heute noch am Herzen liegen. Was war mein Vater für ein Mensch? Hatte er geheime Wünsche, Sehnsüchte, unerfüllte Träume? War er mit meiner Mutter glücklich verheiratet, liebte er sie oder wäre er lieber frei und ledig gewesen? Fühlte er sich von seiner Frau bevormundet und versuchte sich durch den Alkohol einen Freiraum zu bewahren, in eine andere Welt zu flüchten oder wollte er damit Minderwertigkeitskomplexe abreagieren und sich Gehör verschaffen oder war es einfach nur so, dass ihm das Bier schmeckte und er von dieser Sucht nicht mehr los kam.

Vater stammte aus einem Bauernhof und konnte wie kein Zweiter anpacken. Er hatte vier Geschwister, zwei Schwestern und zwei Brüder, die alle unverheiratet waren und gemeinsam auf dem elterlichen Hof blieben. Zu ihnen fühlte er sich in geschwisterlicher Liebe hingezogen. Das war seine Heimat. Hier konnte er aufatmen, wenn ihn die Verwandtschaft meiner Mutter eher geringschätzig behandelte ja sogar als “sippenfremd” hinstellte. Er war ja nur ein Bräugehilfe, den man usnützte, weil man wusste, dass man ihm alles anschaffen konnte und er nicht nein sagen würde. Vater war zuweilen ein fröhlicher Mensch, aber ich kann mich nicht erinnern, dass er jemals herzhaft gelacht hätte. Trotzdem glaube ich, dass er sich in unserer Familie geborgen fühlte und für den Halt, den ihm meine Mutter gab, dankbar war. Vater war pflichtbewusst und ließ uns nie im Stich. Jede Woche lieferte er seinen Lohn auf Heller und Pfennig bei meiner Mutter ab, damit wir etwas zum Leben hatten. Es war ihm nicht recht, wenn ich Mutter quälte und ärgerte, und er erinnerte mich immer wieder mahnend an das Gedicht:

“Wenn du noch eine Mutter hast, so danke Gott und sei zufrieden; nicht allen auf dem Erdenrund ist dieses hohe Glück beschieden. Wenn du noch eine Mutter hast, so sollst du sie mit Liebe pflegen, dass sie dereinst ihr müdes Haupt in Frieden kann zur Ruhe legen.”

Wenn ich aber Vater ärgerte, hatte er Mutter in Verdacht, dass sie mir das anschaffen würde. Das war leider kein guter Gedanke; denn es stimmte einfach nicht. Ich konnte ein sehr böses Kind sein und die Menschen, auch heute noch, richtig durcheinander bringen. Woran das lag, weiß ich nicht. Vielleicht wurde ich als kleines Kind viel zu viel in Streitereien mit hinein gezogen.

Wenn es zwischen meinen Eltern zum Streit kam, bezog ich als Kind stets Stellung für meine Mutter und verteidigte sie. Vater hatte keine Chance, so viel Liebe von mir zu erhalten, wie ich sie für meine Mutter übrig hatte. Ich sah ihn auch nicht so oft, weil er die meiste Zeit in der Arbeit war. Wenn er aber endlich heim kam, war er meistens betrunken und nicht mehr besonders ansprechbar. Wer hat schon gerne einen Alkoholiker zum Vater, für den man sich schämen muss? Dabei wäre es so wichtig gewesen, sich auch mit ihm über die verschiedenen Probleme zu unterhalten, mit denen sich ein junger Mensch auseinandersetzen muss. Ich habe es leider nie versucht, und dann war es zu spät. Oft gingen wir wie Fremde aneinander vorbei, und ich ließ ihm auch immer wieder meine Verachtung spüren. Trotzdem bin ich lange Zeit über seinen Tod nicht hinweggekommen. Ich war gerade 20 Jahre alt geworden, als ich ihn verlor und konnte nicht einmal bei seiner Beerdigung mit dabei sein. Umso größer war die Bestürzung. Mit ihr kamen die bitteren Selbstvorwürfe und die Erkenntnis, leider viel zu wenig die Nähe zu ihm gesucht zu haben. Manchmal blättere ich in einem alten Souveniralbum, der einst einer Tante gehört hatte. Neben Großeltern, Eltern, Geschwistern und Freunden, die sich früher einmal mit einem Spruch verewigt hatten, nutzte Vater mehr als fünfzig Jahre später eine leere Seite und schrieb für mich folgenden Spruch:

“Zur steten Erinnerung!
Einst wollt’ ich einen Kranz dir winden und konnte keine Blumen finden. Jetzt find’ ich Blumen fern und nah, ach aber du bist nicht mehr da.

Von deinem Vater Jakob Lehrer, Trudering, den 7. Mai 1959.”

Ja, so war mein Vater ... er konnte nachdenklich und auf seine Art sogar zärtlich sein. Was mochte er sich dabei gedacht haben, als er diese Zeilen schrieb?

Jetzt bin ich so alt, wie mein Vater einst geworden ist. Geht es mir genauso wie damals ihm? Gibt es für mich Zeiten, in denen ich resignierend die Welt nicht mehr verstehe? Auch Vater, der den 1. und 2. Weltkrieg mitgemacht hatte, konnte über die Geschehnisse um ihn herum und in der Welt oftmals nur mit dem Kopf schütteln. War das ein Leben, in dem er sich wohl fühlen konnte oder war es nicht besser, seinen Gram im Bier zu ertränken?

Als Kind strich ich oft über seine von der Arbeit zerfurchten, großen Hände und bemerkte, wie meine Hände dagegen klein und zierlich waren. Da war die Welt in Ordnung, und ich wusste, dass mich mein Vater beschützen würde. Ich bekam auch nie Schläge von ihm. Dazu hatte er ein viel zu weiches Herz. Warum war er dann gegen Mutter oft so grob und jähzornig? Was hatte sie ihm getan, dass er sie manchmal sogar verabscheute? Weil sie ihm seine Fehler vorwarf oder sich zwischen ihm und seine Geschwister drängte? Sicher war auch der Alkohol mit daran schuld. Auf alle diese Fragen werde ich keine Antwort mehr bekommen und versuche trotzdem, meinen Vater irgendwie zu verstehen.

Jetzt lebe ich mit meinem Freund zusammen, dessen Vater ich leicht sein könnte, in dem ich aber auch Wesenszüge meines Vaters entdecke. Seine ganze Art, sein Charakter, seine Gutmütigkeit seine Zuverlässigkeit, sein Fleiß ... und seine Liebe zu mir, aber auch sein Zorn könnten von meinem Vater stammen. Mit ihm verbindet mich eine Vertrautheit, wie ich sie mir immer zwischen mir und meinem Vater gewünscht und erträumt habe. Mit ihm kann ich über alles reden, und er hört mir gerne zu. Auch seine Hände sind von der Arbeit rau und könnten sicher viel von einem kargen Leben auf dem Bauernhof im Hunsrück erzählen. Er ist ein wunderbarer Freund. Ich weiß seine Liebe zu schätzen und fühle mich bei ihm geborgen und gut aufgehoben. Er ist die Erfüllung meines Lebens. Durch ihn lernte ich mich selbst neu einzuschätzen, begann Zwänge abzulegen und so frei zu sein, wie es mein Vater auch immer sein wollte ... aber ohne Alkohol.

Hans Lehrer