Eine fast unbeschwerte Kindheit

Auf der Suche nach einem unbeschwerten und sorgenfreien Leben stoße ich immer wieder auf meine Kindheit und verweile in Gedanken bei all jenen Plätzen, die ich als Kind so geliebt habe. Vor unserem stattlichen Anwesen lag die damals noch kaum befahrene Truderinger Straße, die mit ihrem Straßengraben genauso unser Spielplatz war, wie der weitläufige Obermaier Park neben unserem Haus mit seinen großen Bäumen und verschlungenen Wegen oder der Bauernhof meiner Onkel und Tanten, den man erreichte, wenn man hinter unserem Haus durch den großen Obstgarten und über den Fußballplatz ging, die Bahngleise überquerte und die Abkürzung über eine Wiese nahm.

Nur die Schule zwang uns, einen gewissen Zeitplan einzuhalten. Aber der Nachmittag und das Wochenende gehörten uns Kindern und wir durften frei über unsere Zeit entscheiden bis zur Abenddämmerung. Da mussten wir daheim sein, um nicht bestraft zu werden. Die meisten von uns blieben auf der Volksschule und erlebten eine unbeschwerte Schulzeit, ohne Hausaufgabenstress oder Prüfungsängste. Das Lesen hatte mir Mutter am Anfang der 1. Klasse so gut beigebracht, dass ich einer der Besten in diesem Fach war und andere Schwächen damit ausgleichen konnte. Fleiß und Betragen wurden ebenso benotet wie die Schrift. Heute würde ich wahrscheinlich Medikamente bekommen, um mein hyperaktives Benehmen, das sich durch Schwätzen und Unaufmerksamkeit bemerkbar machte, zu zügeln. Damals gab es mit dem Tatzenstock die Schmerztherapie, die einem helfen sollte, sich zu bessern ... oder man musste dreißig Mal ins Heft schreiben: “Ich darf während des Unterrichts nicht schwätzen”. Beide Maßnahmen waren meistens erfolglos. ... letztere sogar kostspielig; denn Mutter musste fast jede Woche von dem wenigen Geld, das sie hatte, ein neues Heft kaufen. Leider galt meine Ausrede, ein Kriegskind mit Spätschäden zu sein, das für sein nervöses Verhalten nichts dafür könne, auch nicht als Entschuldigung.

Beim Spielen war ich nie allein. Es fanden sich immer mehrere Kinder zusammen, die gemeinsam beratschlagten, was man mit dem Nachmittag anfangen könnte. Meist machten auch die Mädchen mit und wir spielten Vater und Mutter, wobei die Kleineren unsere Kinder waren. So gründeten wir schon im Kindesalter eine kleine Familie und hatten dabei interessante Einfälle, wie wir das Familienleben gestalten könnten. Wir spielten auch gerne Kaufladen, wobei uns ein Sandhaufen in der Nähe gute Dienste leistete. Hier konnten wir Zucker, Salz und Mehl gewinnen, einen Teig anrühren und mit unseren kleinen Formen die schönsten Sandkuchen backen. “Bim-bam der Laden ist auf ... alle Leute geh’n zum Kauf” ... “bim bam der Laden ist zu ... alle Leute geh’n zur Ruh!”

Nur das Doktorspielen, das vor allem die älteren Mädchen mit uns so gerne machten, wurde nicht so gern gesehen und von den Eltern sogar verboten. Waren wir hungrig, holten wir uns von Mutter ein Stück Brot, das auch trocken besonders gut schmeckte und aßen es auf der Straße. “Gassenkinder” nannte man uns, doch wir dachten uns nichts dabei sondern waren einfach nur sorglos glücklich.

Allerdings wurde meine Kindheit von einem Erlebnis geprägt, das mir beinahe zum Verhängnis geworden wäre. Ich mochte gerade einmal sechs Jahre alt gewesen sein, als ich mit einem gleichaltrigen Mädchen vom Schmuckerweg in die Truderinger Straße einbiegen wollte. Plötzlich hielt ein Auto und der Fahrer lud uns freundlich zum Mitfahren ein. Da wir beide noch nie ein Auto von innen gesehen hatten, nahmen wir das Angebot gerne an. Der Mann hatte allerdings schlechte Absichten. Das Mädchen war klüger als ich und konnte bei seinem ersten Annäherungsversuch im Wald, als er kurz anhielt, die Türe öffnen und fliehen. In meiner Ahnungslosigkeit blieb ich sitzen und wurde von dem fremden Mann missbraucht. Er brachte mich wieder zurück zur Straße, schenkte mir zwei Mal fünfzig Pfennig und ließ mich aussteigen. Natürlich war ich schockiert und überfordert und wollte meinen Eltern kein Sterbenswörtchen davon erzählen. Das Mädchen unterrichtete sehr wohl seine Eltern, die bei der Polizei eine Anzeige erstatteten. Als Sechsjähriger musste ich mich auf dem Präsidium in der Ettstraße einem Verhör unterziehen, das fast noch schlimmer war als die Handlungen des Mannes, die er an mir und an sich begangen hatte. Denn das Geschehene noch einmal in Worte zu fassen, überforderte vollends mein reines kindliches Gemüt. Für die Polizei war der Fall erledigt, für mich seitdem nicht.

Damals gab es schon eine Buslinie von Haar nach Steinhausen. Trudering lag auf dem Weg und hatte beim Obermaier eine eigene Haltestelle. Ebenfalls mit sechs Jahren entdeckte ich das Bus fahren. Für zehn Pfennig konnte ich von Trudering nach Haar fahren. Dabei nahm ich ein fünfjähriges Kind mit, das umsonst mitfahren durfte, damit ich nicht so allein war. So machte ich immer wieder einmal diese kleine Weltreise, und der Omnibusschaffner hatte nichts dagegen, kleine Kinder mitzunehmen.

Ich muss meinem Schutzengel dankbar sein, dass ich meine Kindheit, die eigentlich gar nicht so unbeschwert war, heil überstanden habe.

Hans Lehrer