Betrachtungen über den Winter

Vielen von uns dauert der Winter heuer schon wieder viel zu lange und könnten gerne auf diese kalte Jahreszeit verzichten. Das deutsche Wort Winter dürfte so viel wie “weiße Jahreszeit” bedeuten. Von allen Jahreszeiten musste sich diese, welche Menschen und Tiere in den Unterkünften zusammenpferchte und allen Wanderungen und Zügen friedlicher und kriegerischer Art ein Ziel setzte, dem Menschen am ehesten und tiefsten einprägen. Andererseits hat gerade diese Jahreszeit, in welcher die Arbeitsruhe und das häusliche Leben mehr Gelegenheit zur Betätigung der Phantasie gab, so auch zum Erzählen von Märchen und Sagen, die Erinnerung an vorchristliche Volksüberlieferungen und Bräuche am lebendigsten bis in die Gegenwart bewahrt. Auf der nördlichen Halbkugel der Erde fällt der astronomische Anfang des Winters auf den 21. oder 22. Dezember und das Ende auf den 21. März. Doch in vielen Gegenden ist der Winter schon viel eher oder auch länger spürbar. Vom 16. Oktober heißt es allgemein:

St. Gallen
Lässt den Schnee fallen.

Sonst wird meist Simon und Juda (28. Oktober) als erster Wintertag bezeichnet; ferner auch Allerheiligen und namentlich Martini, denn der hl. Martin kommt auf seinem Schimmel geritten, d.h. bringt Schnee. Eine Steigerung der Kälte erwartet man meist mit dem Katharinatag und dann, wenn ein sehr warmes Jahr und später Winter ist, den Eintritt des Winters unbedingt mit dem Andreastag, denn:

Andries
Bringt d’Winter gwieß.

Als Mitte des Winters gilt meist der 25. Januar (Pauli Bekehrung), an dem die Futtervorräte des Winters erst zur Hälfte verbraucht sein dürfen:

Pauli Bekehrung
Halbs hinum, halbs herum.

Meteorologisch zählt man auf der nördlichen Halbkugel zum Winter die Monate Dezember, Januar und Februar. Das Wort kommt als Familienname häufig vor. Im Märchen verkörpert Frau Holle gewissermaßen als Wintergöttin den Winter. Wenn sie ihr Bett schüttelt, so schneit es. Weil im Winter die Natur schlummert und ausgestorben scheint, so tritt häufig der Tod an die Stelle des Winters. Und so ist der Winter auch die Zeit, in welcher die Seelen und Dämonen umfahren, so dass am Ende des Winters die Austreibung alles Übels und der bösen Geister erfolgt. Bis Dreikönig haben die Geister, die verwünschten Seelen eine sonderbare Erlaubnis nach Herzenslust zu spuken. Der altgermanische Winter dürfte an großen Festlichkeiten spärlich gewesen sein, was sich erst durch den römischen Einfluss und in christlicher Zeit änderte. Der Geburtstag Christi wurde auf den 25. Dezember und sonst eine Reihe von Gedenktagen in den Winter verlegt. Endlich auch durch die dauernde und allgemeine Festlegung des Neujahrs auf den 1. Januar wurde der Winter zu einer wahren Festzeit, die mit dem Advent beginnt, über den Tag des hl. Nikolaus zu ihrem Höhepunkt in der Zeit von Weihnacht über Neujahr bis Dreikönig führt und mit den Festen und Bräuchen der Fastnachtszeit, bei welchen oft sinnbildlich die Austreibung und Vernichtung des Winters dargestellt wird, ihr Ende findet und zum Frühling hinüberleitet. Während der Sommer der Nährer ist, ist der Winter der Verzehrer, um so mehr, wenn er lange und hart ist. Nach antikem Glauben ist der Winter streng, wenn das Jahr, mit einem Samstag beginnt. So begann das Jahr 2011 an einem Samstag. Aber auch aus den tatsächlichen Erscheinungen in der Natur ist darauf zu schließen, ob ein strenger oder milder Winter zu erwarten ist. Dass mit dem Januar meist erst die richtige Winterkälte einsetzt, betonen manche Bauernregeln, so:

Wenn die Tage langen,
Kommt der Winter gegangen.

Boshaft wird behauptet, dass der Winter die alten Weiber in oder hinter die Hölle (Platz hinter dem Ofen) treibt, was allerdings, wie vieles andere übrigens auch, durchaus nicht stimmen muss. Meine Betrachtungen über den Winter möchte ich mit einem Volkslied aus Pfronten beschließen, um dem Winter auch seine schönen Seiten abzugewinnen.

  1. Der Winter, der is mir net z’wider. Da gfreu i mi dengerscht net schlecht, wenn dicht falln die Flocken hernieder. Dös Schneibn, dös is mir grad recht. Und is dann das Land weiß umsponnen, für mi gibt’s besondere Wonnen. Zwoa Brettl a gführiger Schnee, juch-he! Dös is halt mei höchste I-dee.

  2. Na ziag i gschwind an mei fesch Gwandl, setz d’Mützen recht keck übers Ohr, bind d’Hosen fest zua mit an Bandl und hol meine Schwartling (die Skier) hervor. Den Schnerfer (Rucksack), den schweren geschnüret; Schi Heil! und jetzt wird abmarschieret. ... Zwoa Brettl ... usw.

  3. In d’Berg hinein tuats mi halt ziagen, da hatsch i schö langsam auf d’Höh, da gspür i koa Plag, koane Mühen, koan Hunger, koa Durst tut ma weh, bevor i das Ziel mir errungen und Schnee und Eis trotzig bezwungen! ... Zwoa Brettl ... usw.

  4. Und steh i na drobn auf da Spitzn und schaug i rund um in der Welt, na ziag i voll Andacht mei Mützn: A Schand is! Wem dös net gefällt. Voll Freud tuat mir’s Herz überquellen, da tua ri an Juchschroa, an hellen. ... Zwoa Brettl ... usw.

  5. Und wenn na die Brettl so rennen auf glitzernder Bahn von der Höh, mei Liaba, dös muaß ma schon könna, sonst hauts die ganz damisch in Schnee! Doch kannst amal fahren recht prächtig, dann packt di die Leidenschaft mächtig. ... Zwoa Brettl ... usw.

  6. Doch dös steht scho fest ohne Zweifi, passieren kann da allerlei. Fahrst nei in an Grabn wia da Teifi - und knacks is a Schwartling entzwei! Da stehst na und schaugst allweil dümmer und hast in der Hand deine Trümmer! Drei Brettl, a gführiger Schnee, juchhe! Da hast jetzt die höchste Idee

  7. Doch sitz ma schö warm in der Hütten, es prasselt das Feuer im Herd, den dampfenden Tee in der Mitten und Speck und Brot, wias a si ghört. Dann laßt die Gitarre erklingen, dem Winter ein Loblied zu singen. ... Zwoa Brettl ... usw.

  8. Was wär ohne Brettl mei Leben? Ja, Angst wärs mir nacha und bang. Mei Gut und Blut tat i drum geben, mei All’s bleibn mei Leben lang. Und ruft mich der Tod einst zum Gehen, so soll auf mein Grabstein no stehen. Zwoa Brettl, a gführiger Schnee, juchhe! Dös war halt sei höchste Idee!

Hans Lehrer