Das Abendläuten

Seit meiner frühesten Kindheit ist mir das Abendläuten vertraut. Mutter schärfte mir ein, spätestens dann heimzukommen, wenn die Glocke vom nahen Kirchturm erklang; denn ab jetzt würde sich der Wolf herumtreiben und die Fledermäuse sich in den Haaren der Kinder verfangen.

Alle Kirchen führten etwa vom 13. Jh. an das Ave-Maria-Läuten oder Angelusläuten zunächst morgens und abends, dann auch mittags ein. Papst Johannes XXII. verordnete 1326 ausdrücklich, das Ave Maria dreimal am Tage (morgens, mittags, abends) zu beten und jedes Mal dazu das Zeichen mit der Glocke zu geben.

Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade.
Der Herr ist mit dir.
Du bist gebenedeit unter den Frauen
und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus.

Heilige Maria, Mutter Gottes,
bitte für uns Sünder,
jetzt und in der Stunde unseres Todes.
Amen

Das Ave-Maria-Läuten am Abend oft auch kurz “Gebetläuten” genannt, ist nicht, wie manchmal behauptet wird, polizeilichen Ursprungs zur besseren Durchsetzung der Sperrstunde, obwohl das kirchliche Abendläuten in manchen Gegenden lange Zeit als Zeichen der Sperrstunde galt. Während des Gebetläutens betete man im Gasthaus und verließ dieses sofort nach dem Beten.

Das eigentliche Abend- oder abendliche Gebetläuten erfolgt im Sommer meist um 8 Uhr, Winter um 7 Uhr, vor Sonn- und Feiertagen aber schon früher, wo es den Feierabend auch schon nachmittags einläutet und dann zuweilen Vesperläuten genannt wird.

Das Abendläuten bezeichnet das Ende des Tages, an Werktagen den Abschluss der Tagesarbeit. Darnach sollte nicht mehr gearbeitet werden; denn vom Abendläuten bis zum Morgenläuten ist die Zeit der Geister, denen die Nacht gehört.

Ave Maria! Reine Magd!
Der Erde und der Luft Dämonen,
von deines Auges Huld verjagt,
sie können hier nicht bei uns wohnen.
Wir woll’n uns still dem Schicksal beugen,
da uns dein heiliger Trost anweht...
Aus Schubert - Ave Maria

Hans Lehrer