Der Max

Beim Betrachten dieses Bildes werden liebe Erinnerungen an längst vergangene Zeiten wach. Aufgenommen wurde das Foto von meiner Tante, der wir viele solcher Bilder verdanken, weil Fotografieren einfach ihre große Leidenschaft war. Vielseitig begabt und reich an Fantasie verstand sie es, viele Augenblicke für die Nachwelt festzuhalten und zu verewigen. Auf dem Pferd sitzen ihre Töchter, meine beiden Cousinen Johanna Eleonore, kurz Lorle genannt mit ihrer kleineren Schwester Roswitha Maria “Krawatta“, die alle einfach nur Witti nannten. Beide erinnern mich an die Geschichte mit “Pippi Langstrumpf“ und ihrem Pferd, obwohl die Mädchen auf dem Bild keine Strümpfe anhaben; denn nach dem Krieg lief man im Sommer meistens barfuss rum, um das Schuhwerk zu sparen. Im Hintergrund befindet sich die Forellenschule, die noch unter den Schäden des Krieges zu leiden hatte. Der Mann bei dem Pferd ist mein Vater. Er strahlt eine zufriedene Gutmütigkeit aus und freut sich, den Krieg überstanden zu haben und auf der Welt zu sein, wie es scheint. Das Pferd hieß Max, war lammfromm und passte zu ihm. Mein Vater lieh es sich von seinem Bruder, dem Bauern, regelmäßig aus, setzte den Max zur Arbeit ein und spannte ihn vor den Wagen, um daraus ein wichtiges Transportmittel zu machen. Der Max war ein Eigenbrötler, der nur alleine eingespannt werden wollte. Das Besondere an diesem Pferd aber war, dass man ihm nicht zu viel aufladen durfte. Ab einem gewissen Gewicht weigerte er sich, den Wagen zu ziehen, wurde störrisch und bewegte sich erst wieder, wenn die Fuhre, die er zu ziehen hatte, leichter geworden war.

Im Stall stand er am zugigen Eingang, wo die Türe immer auf- und zuging. Dort hatte er sich eines Tages erkältet und kriegte seinen Husten auch nicht mehr los. Irgendwann ging es nicht mehr mit ihm und er kam vom Hof. Das war ein trauriger Tag für uns alle und der “Anfang vom Ende” unserer Landwirtschaft.

Hans Lehrer