Der Zopf

Jeden Samstag Nachmittag, seit Jahr und Tag, war Tante Betti auf dem Bauernhof damit beschäftigt, für den Sonntag einen Zopf zu backen, und ich durfte ihr dabei zuschauen und mit einem Stück Teig spielen, aus dem ich verschiedene Figuren formte und meiner schöpferischen Begabung freien Lauf lassen konnte, bevor er am Ende in eine mit Fett ausgeschmierte Blechtasse kam, in das Backrohr geschoben wurde, und als knuspriger Gugelhopf wieder herauskam. Fast der ganze Nachmittag ging mit dieser Arbeit drauf; denn zwischen zwei und drei Stunden musste man schon rechnen, bis der Teig zubereitet war. Aus der Mehltruhe holte die Tante 1 Pfund Mehl, vom Kramer hatte sie für 5 Pfennig Hefe gekauft, dann brauchte sie noch etwas Salz und 1 ½ - 2 Quart Milch.

Das Mehl wurde in einer Schüssel ausgebreitet und gewärmt. In der Mitte desselben wurde der Vorteig oder das so genannte Dampferl aus einer Obertasse voll lauwarmer Milch, in welcher die zerbröckelte Hefe verrührt war, mit wenig Mehl bereitet. Dann deckte sie die Schüssel zu und ließ sie 20 Minuten stehen, damit der Teig aufgehen konnte. War er tüchtig gestiegen, wurden die lauwarme Milch und das Salz beigemengt und der Teig so lange tüchtig geschlagen, bis er Blasen warf. Erneut deckte ihn die Tante zu und ließ ihn nochmals etwa ¾ Stunden an einer warmen Stelle aufgehen. Um den Teig richtig fest zu machen, mischte sie neben 3 Löffel Zucker auch 2 Eier bei und machte drei Teile, die sie auf dem Nudelbrett kunstvoll zu einem Zopf zu flechten begann, wie sie es am Morgen immer mit ihren Haaren tat. Damit der fertige Zopf gut vom Blech rutschte, staubte sie das Kuchenblech mit Mehl ein. Sie musste aber auch auf die Anordnung ihres Bruders, dem Herrn auf dem Bauernhof, hören, der den Zopf möglichst flach haben wollte und zu schimpfen begann, wenn er wie das Riesengebirge aussah.

Aus dem gleichen Teig machte die Tante jeden Mittwoch Dampfnudeln und jeden Freitag Rohrnudeln, indem sie mit einem Blechlöffel nahezu halb faustgroße Kugeln abgestochen hatte und in einer Bratraine, die gut mit Schmalz ausgeschmiert war, nebeneinander hinsetzte. Am liebsten waren mir dabei die Ecknudeln, weil sie von zwei Seiten eine braune Kruste bekamen.

In der schlechten Zeit kriegte die Tante am Freitag besonders viel Besuch von der Nachbarschaft, und sie wickelte jedem eine Rohrnudel ein.

Nach dem Krieg schaute einmal in der Woche am Abend der evangelische Pfarrer vorbei, dem man jedes Mal zwei “Ochsenaugen” vorsetzte. Sorgfältig trennte er das Eiweiß vom Dotter ab und schob diesen dann gekonnt mit einem Schwung in den Mund. Ich schaute ihm dabei mit Bewunderung und etwas neiderfüllt zu; denn ich bekam fast nie ein Ei zu essen, weil man glaubte, dass durch den Verzehr von Eiern Kinder noch böser werden als sie schon sind.

Fleisch gab es nur einmal, höchstens zwei Mal in der Woche. Am Sonntag kamen gebratene Schweinskoteletten auf den Tisch, meistens mit Semmelknödeln.

Dieser wöchentliche Küchenplan, der in seiner Reihenfolge nie abgeändert werden durfte, weil es der Onkel Philipp so haben wollte, erinnert mich an das Lied:

“Was is heut für’n Tag?
Montag Knödltag, Dienstag Nudltag, Mittwoch Strudltag, Donnerstag Fleischtag, Freitag Fasttag, Samstag Zahltag, Sonntag Lumpentag!”

Natürlich gab es auch Kartoffeln, Sauerkraut und verschiedene Suppen zur Genüge, doch freute man sich schon, wenn alle heiligen Zeiten wieder einmal ein Schwein geschlachtet wurde.

Heute würde man über diese einseitige Ernährung nur noch mit dem Kopf schütteln, obwohl das Essen früher sicher besser geschmeckt hat als in unserer Zeit.

Hans Lehrer