Die Armen Seelen

In Gedanken beschäftige ich mich oft mit den Armen Seelen, die in Unbußfertigkeit, mit Sünden beladen, sterben, in die Hölle kommen, wo sie im Höllenfeuer brennen müssen. Dieser Art Verdammnis kann ich leider nicht viel abgewinnen, weil sie im Widerspruch zur Barmherzigkeit Gottes steht, und ich bezweifle, ob es überhaupt eine Hölle gibt.

Dass aber die Seele des mit Gott versöhnt Gestorbenen im Fegfeuer bis zu ihrer Läuterung den Rest der Strafe abbüßen muss, leuchtet mir schon eher ein.

Nach dem Volksglauben muss die Seele nach dem Tod umgehen, in der Luft herumwandern, bis die Prüfung zu Ende, die Schuld abgebüßt ist oder ihre Angehörigen durch Gebet und gute Werke für sie die Gnade Gottes erlangt haben. Die Strafe der armen Seele, die vielfach am Ort der früheren Tätigkeit abgebüßt werden muss, entspricht meist ihrem Vergehen: Brosamen, die im Leben leichtfertig verloren wurden, muss der Verstorbene zusammensuchen. Geizige, Diebe, Meineidige, Mörder müssen “umgehen”. Der Grenzfrevler geht an der Grenze auf und ab und trägt dabei den Grenzstein auf der Schulter.

Die Entwicklung führt weiter zu dem Glauben an Gespenster, die den Menschen allerlei Schabernack spielen, vor denen man sich hüten muss. Deshalb macht man vielerorts das Kreuzzeichen über das Grab, vor dem man steht, ebenso beim Hingehen und Weggehen, beim Verlassen des Friedhofs aber über alle Gräber, “damit die Seelen nicht nachkommen”.

Die armen Seelen, wie auch die Verdammten, dürfen mit Gottes Erlaubnis von Zeit zu Zeit den Menschen erscheinen, entweder um sie zur Bußfertigkeit zu ermahnen und um Hilfe und Erlösung für sich zu bitten, oder um sie zu quälen. Dabei zeigen sie sich entweder in menschlicher Gestalt oder als Irrlichter oder Tiere. Gewöhnlich ist ihr Erscheinen jedoch an bestimmte Zeiten und Gelegenheiten gebunden. So darf alljährlich an ihrem Todestag die Seele zu ihren Verwandten zurück, um sich nach ihrem Ergehen zu erkundigen. Sonst ist die Zeit nach Sonnenuntergang ihnen sehr günstig. Besonders sind es aber natürlich die Tage von Allerheiligen und Allerseelen, an denen sie wiederkehren. Denn sobald es

am Allerheiligentag um 12 Uhr für die armen Seelen zu läuten anfängt, sind sie frei und können umgehen. Sie lieben es, dabei in der Nähe von Feldkreuzen in verschiedenen Gestalten sich sehen zu lassen. Als Vögel fliegen sie um die Kreuze der Friedhöfe, während sie anderwärts als Fische einen einsamen Bergsee bevölkern. Am liebsten aber wählen die armen Seelen die Gestalt der Kröte, weshalb es streng verpönt ist, diesen Tieren etwas zuleide zu tun. Nach bayerischem Volksglauben wallfahren arme Seelen als Kröten an bekannte Gnaden Orte wie Altötting, um dort Erlösung zu finden. In den Alpenländern glaubt man, dass die armen Seelen in der grimmigen Kälte der Gletscher ihre Sünden abbüßen müssen.

Vielfach stellt man sich die Seelen als bewegtes, luftähnliches Gebilde vor, weshalb ihr plötzliches Entweichen Wind erregt. Darum kehren die Seelen der Verstorbenen auch als heftiger Wind wieder. Oft weht an Allerheiligen ein starker Wind, der Allerseelenwind, in dem die armen Seelen umziehen.

Die armen Seelen warten auf ihre Erlösung, daher die Redensart: “Endlich ist die arme Seele erlöst” oder “endlich hat die arme Seele Ruh”. Die Erlösung kann herbeigeführt werden durch Gebet, Wallfahrt und Seelenmessen.

Ich glaube fest daran, dass ich mit meinem Gebet:

O Herr, gib allen armen Seelen im Fegfeuer die ewige Ruhe
und das ewige Licht leuchte ihnen,
Herr, lass sie ruhen in Frieden ... Amen!

jedes Mal einer Seele zu ihrer Erlösung verhelfe und sie mir dafür dankbar ist, indem sie mich vor Schaden bewahren möchte und mir durch das Leben hilft.

Hans Lehrer