Die sieben Tugenden

Jeder Mensch hat so seine Gewohnheiten, nach denen er sein Leben ausrichtet und die er im Laufe der Zeit lieb gewonnen hat. Bestenfalls entwickeln sich daraus Tugenden. Sie können aber auch zur Sucht werden, die dem Körper und der Seele Schaden zufügt. Meistens beginnt sie mit einer Untugend, vor der man schon in der Kindheit von Eltern und Vorgesetzten gewarnt wird.

Von den sieben Tugenden, die uns aus der Antike überliefert sind, war ich noch weit entfernt. Ich kann mich nicht erinnern, ob ich gerecht war. Weise war ich mit Sicherheit nicht, höchstens schlau und um eine Ausrede nie verlegen. Den Satz: “Ich mag nicht”, ersetzte ich bereits in meiner frühen Kindheit mit der Umschreibung: “Ich kann nicht!”. Meist aber kommt die Weisheit sowieso erst im zunehmendem Alter oder gar nicht. Mit der Tapferkeit haperte es enorm; denn ich war ein ängstliches Kind und schaute jeden Abend unter das Bett ob sich jemand darunter verstecken würde. Keller und Speicher waren Orte, die ich mied; denn dort vermutete ich Geister, die kleinen Kindern Böses antun ... und Blut konnte ich auch keins sehen. “Mäßige dich!”, hieß es manchmal, wenn ich gar zu unbescheiden war und alles für mich allein haben wollte. Heute ist die Unmäßigkeit einer gewissen Besonnenheit gewichen ... und das ist auch gut so.

Herr! schicke, was du willst,
Ein Liebes oder Leides;
Ich bin vergnügt, daß beides
Aus deinen Händen quillt.

Wollest mit Freuden
Und wollest mit Leiden
Mich nicht überschütten!
Doch in der Mitten
Liegt holdes Bescheiden.

Eduard Mörike

Dieses Gedicht, das mir nie mehr aus dem Sinn gegangen ist, lernten wir bereits in der 8. Klasse am Ende unserer Volksschulzeit auswendig und schrieben es fein säuberlich mit der Redisfeder in Zierschrift nieder.

Meine größte Untugend in jungen Jahren aber war wohl die Neugierde und die Geschwätzigkeit. Wenn sich die “Großen” unterhielten, passte ich auf wie ein Haftelmacher und verhielt mich mucksmäuschenstill bis meine Anwesenheit endlich bemerkt wurde. Da wechselte man schnell das Thema mit der Bemerkung: “Die Schindeln sind auf dem Dach!” Dann passierte es, dass ich das Gehörte beim Bäcker oder beim Metzer ausplauderte und meine Familie dabei in arge Verlegenheit brachte. Ich mochte wohl fünf Jahre alt gewesen sein, als ich nach dem Krieg während der Zeit der Lebensmittelmarken beim Bäcker erzählte, dass bei uns heute eine Sau “schwarz” geschlachtet wird. Entsetzt gab eine Nachbarin meiner Mutter den Rat, mich nicht mehr zum Einkaufen zu schicken, da ich alles, was daheim vorfiel, ausplaudern würde. Vielleicht lud mich deshalb die Nachbarschaft so gerne ein, weil mich die Leute “ausfratscheln” konnten und ich ihnen brühwarm alles erzählte.

Erst viel später machte ich mir das Sprichwort: Reden ist Silber und Schweigen ist Gold” zur Regel . Aber sogar im Alter bemerke ich manchmal, dass es oft besser wäre, etwas nicht zu sagen, um keinen Unfrieden zu stiften.

Dafür werden die drei religiösen Tugenden: Glaube, Liebe und Hoffnung immer ausgeprägter, besonders wenn man spürt, auf der Zielgeraden des Lebens angekommen zu sein. Plötzlich steht Gott, den man viele Jahre vernachlässigt hat, wieder im Mittelpunkt, man klammert sich an ihn, wie an einen Strohhalm, und entdeckt seine späte Liebe zu ihm, um einen guten Abgang und eine gnädige Aufnahme hinzukriegen. Mit den Jahren lernt man auch die Gelassenheit besser kennen, und die Liebe am Leben und zu den Menschen erhält eine neue Bedeutung, während die körperliche Liebe langsam abklingt. Ob im Alter die Selbstbeherrschung, die ebenfalls ein Bestandteil der Liebe ist, zunimmt, bezweifle ich. Zuweilen wird man aber von einer seltsamen Sanftmut ergriffen, die fast schon unheimlich ist und man beginnt, seine Dinge neu zu ordnen, wird gerechter und milder in seinem Urteil und erinnert sich gerne an den Spruch von Papst Pius XII: “Gerechtigkeit schafft Frieden!”

Das Leid über jeden Winter, den man ertragen muss und die Freude über jeden Frühling, den man erleben darf, werden immer größer. Man sieht die Welt mit anderen Augen. Erkenntnis und Einsicht gewinnen zunehmend an Bedeutung und verschönern das Alter. Immer mehr verspürt man, dass der Schlüssel zum Glück in der Zufriedenheit und Dankbarkeit liegt.

Ob das schon die Weisheit ist, die man aufgrund einer gewissen Lebenserfahrung und Besonnenheit erwirbt und die erste der Tugenden darstellt, die immer nötiger wird, um das Leben zu meistern? Wir wollen die Hoffnung nicht aufgeben und uns auf die letzte Tugend dabei verlassen.

Hans Lehrer