Ein Herz und eine Seele

Der Glaube besagt, dass das Herz nicht nur Sitz der Lebenskraft sondern auch der Seele ist. Von hier gehen die Gedanken aus und steigen hinauf in das Hirn, wo sie umgeformt werden. Das Feuer des Herzens ergibt mit der Kälte des Hirns erst das Gleichmaß des Gedankens. Die im 12. Jh. aufkommenden Herz-Jesu-Gebete bestätigen die Anschauung vom Herzen als Sitz der Seele. Im Rhythmus von Atmung und Herzschlag wird der Name Jesu Christi ununterbrochen angerufen bzw. rezitiert.

Das Band aber zwischen Leib und Seele, ist der Geist. Wenn die Seele des Nachts gen Himmel steigt, bleibt der Geist als Lebenshauch im Herzen zurück.

Das Herz ist jedoch nicht nur Inbegriff von Leben und Seele.

In vielen volkstümlichen Redensarten lebt die Anschauung vom Herzen als Sitz der Liebe. Herz und geliebte Person werden identifiziert. Das Herz wird mit einem Gehäuse verglichen, das mit dem “Hausschlüssel” verschlossen werden kann, um die Liebe zu bewahren oder der Liebe den Zutritt zu wehren. Bei übergroßem Liebesschmerz kann das Herz Formveränderungen erleiden, ja die Brust zersprengen und laut krachen. In Volksliedern ist oft vom zersprungenen Herzen die Rede, weshalb Hermann Löns im “Rosengarten” dichtet: “Das Herz ist mir zersprungen vor lauter Liebesweh”.

Neben dem Liebesschmerz sind es viele andere Gefühlsregungen, die dem Herzen innewohnen sollen. Das Gefühl, das Gemüt zieht in heißer Wallung gegen das Herz hin. Geiz, Hochmut, verbrecherische Regungen wohnen im Herzen, vor allem aber Mut und Feigheit nach denen sich die Größe des Herzens richtet.

Wenn man Gott in sein Herz schließt, geschieht es aus Liebe. Der Mensch fühlt sich nicht mehr als Ich, als selbständige Person, sondern verfließt in Gott. Apostel Paulus, der inniglich ergriffen war von der göttlichen Liebe und ihre befreiende Kraft erfahren hatte, spricht das göttliche Wort: “Ich lebe nicht mehr ich: es lebt in mir Christus”.

Diese Erkenntnis findet sich übrigens in allen Weltreligionen. So stammt von einem anderen großen orientalischen Mystiker folgender Satz “Ich sah meinen Herrn mit dem Augen des Herzens und sagte: ’Wer bist du?’ Er antwortete: ’Du’.

Der Mensch bindet Gott an einen Raum, d.h. an einen endlichen Ort, anstatt ihn in der Unendlichkeit des Überräumlichen zu begreifen. Gott ist der Umfassende und Durchdringende, der mit uns E i n s Seiende.

Hans Lehrer