Ich will

Der wichtigste Satz im Leben eines jeden Menschen beginnt wohl mit den zwei Worten: “Ich will!” Daran knüpfen sich Sehnsucht, Hoffnung, Verzweiflung, Güte, Strenge ... In ihnen steckt die Urkraft des menschlichen Handelns. Es sind zwei Worte, die beflügeln, begeistern aber auch enttäuschen und vernichten können.

Ich will leben! - Ich will sterben!

Ich will gesund werden, dir treu sein, dich lieben, dich nie mehr sehen, dich umarmen, dich vergessen, dich auf Händen tragen, dich wieder sehen ... ich will an dich glauben!

Die Eheschließung wird mit diesen beiden Worten vollzogen: “Ich will!” und die Brautleute legen dabei vor Gott ein unauflösliches Versprechen ab. Oft ist man sich der Tragweite dieser zwei Worte nicht so richtig bewusst. Beim kleinen Kind geht es erst einmal darum, einen Wunsch erfüllt zu bekommen oder sich gegen etwas zu sträuben. Später will man damit seine Lebensweise ändern oder einen Neubeginn starten.

“Ich will Konditor werden ... “ sagte ich als Fünfjähriger und freute mich auf all die süßen Sachen, die in diesem Beruf zubereitet werden. “Ich will Ministrant werden“, sagte ich als ich zehn war, setzte meinen Willen durch und wollte ein kleiner Diener Gottes sein. “Ich will die Welt bereisen und fremde Kulturen kennen lernen”, sagte ich als Zwanzigjähriger und machte mich mit einem Rucksack unbeschwert auf einen langen Weg. “Ich will heiraten ... “, sagte ich mit 30 Jahren und gründete eine Familie; denn ich hatte das Alleinsein satt. “Ich will wissen, woher ich stamme ... “, sagte ich als Vierzigjähriger und begann die Wurzeln meiner Herkunft zu erforschen.

“Ich will Trachtler werden ...”, sagte ich neugierig mit fünfzig und pflegte liebevoll das Brauchtum und die Tradition, die mir seit meiner Kindheit vertraut sind. “Ich will Gott danken“, sage ich seit geraumer Zeit, “für alles, was ich erleben durfte und für alles, wovor ich verschont blieb. Selbst Gott sagt in der Bibel: “Ich will!”

“Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein ...” Das sind die Worte, die Gott an Moses richtete und damit in einen gütigen Dialog mit den Menschen eintrat, nachdem er zuvor noch gesagt hatte: “Ich will die Menschen, die ich geschaffen habe, hinwegtilgen von der Erde, sowohl die Menschen, als das Vieh, das Gewürm und die Vögel des Himmels; denn es reut mich, dass ich sie geschaffen habe.” Doch nach der großen Sintflut tat es dem Herrn leid und er sprach: “Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen”.

Mit dem Ausruf: “Gott will es!” am Ende des Konzils von Clermont begann 1095 das Zeitalter der Kreuzzüge. Aus dem 300-jährigen Kampf um Palästina wurden tausend Jahre und kein Ende ist absehbar. Kann Gott es wirklich wollen, dass wegen der Heiligen Stätten Blut vergossen wird?

Im Alter wird der Mensch bescheiden und nachdenklich. Immer seltener erklingt das hartnäckige “Ich will!”, und immer häufiger hört man dafür: “So Gott will!”

Hans Lehrer